Bildgeschichten

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01.10.2022

13.07.2022

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13.12.2010

01.02.2010



Überraschung!

Von einer völlig neuen Situation


Wir schreiben den 19. November des Jahres 2056. Auch heute besucht Benedict Wiesel eine Beisetzung seiner Wahl. Zu unserer Überraschung steht er an einem recht speziellen Ort, es ist ein stilles Stück Garten gelegen an der Garage des Nachbarn unseres Verstorbenen im Süden Wismars.

Die neue Gesetzgebung macht es möglich. Wir befinden uns auf dem ersten privaten Friedhof der Hansestadt.

Ich hoffe Sie hatten eine lebendige Woche. Jetzt sind wir wieder live dabei!

Aus gegebenem Anlass wohnen wir dem Begäbnis des in der letzten Woche völlig überraschend verstorbenen Malers Manfred W. Jürgens bei. Er verstarb im stolzen Alter von 100 Jahren in seinem Atelier an Überarbeitung. Glücklich fiel er beim Malen an der Staffelei zur Seite und direkt in den seit Monaten offen stehenden, gepolsterten Sarg.

'Seeliger Tod bei der Arbeit. Eine seltene Todesursache', sagte mir im Vorfeld sein Hausarzt Dr. Gründgens.

Wohnen wir nun dem Begräbnis bei. Die musikalische Begleitung übernimmt soeben Ulrich Tukur, einer der letzten Überlebenden dieser Generation. Jürgens liebte dessen Akkordeonspiel sehr, so dass er vor 46 Jahren die gesamte Band lebensgroß in Öl portraitierte.

Wir erleben ein durchaus ungewöhnliches Begräbnis. Auf Wunsch des Verstorbenen sitzt dessen Witwe auf ihrem hochgewachsenen, schlanken Pferd unweit der Trauergäste und fotografiert letztmalig ein Panorama für die Webseite des Wismarer Malers. Auch dem Pferd ist die Betroffenheit anzumerken. Der Schimmel gehört seit einigen Jahren zur Familie. Er wohnt in der umgebauten Autogarage am Apfelhof hinter dem Haus und wurde für den heutigen Tag durch die Friseurin Jacky neu eingefärbt. Es ist ein edles, mattseidenes Schwarz mit einem Hauch von Blau.

Warum findet die Beisetzung so spät statt? 'Tchja', so Nachbarin Renate: 'Dieser Typ war halt ein Eigenbrötler. Er wollte einfach nicht sterben'.

Gestatten sie mir ein paar persönliche Worte. Man kann aufrichtig sagen, dass er viel zu früh verstarb. Der letzte irritierende Satz des Malers lautete: 'Bitte ein kleines Mausoleum, eines das keiner betreten kann!'

Wer rollt denn dort durch die Blumenrabatte? Es ist der Hamburger Schauspieler Christian Redl im Rollstuhl, begleitet von seiner charmanten Frau Martina. Redl blufft gekonnt. Plötzlich springt er sportlich auf und begrüßt mit kargen Worten, gewohnt mürrisch, die Anwesenden. Der ewige Schauspieler zitiert unter sparsamen Tränen François Villon.

Wir sehen Nils C. Freytag und seine im vergangenem Jahr geehelichte Monika leicht verspätet auf feueroten Solar-Bikes aus Hamburg kommen. Es spielt die Big Band der Kreismusikschule 'Carl Orff'. Heitere Rhythmen sind zu vernehmen.

Anstelle von Blumengebinden tragen viele Gäste ihre eigenen Portraits. Bildnisse, die der Verstorbene in jungen Jahren von ihnen malte. Es sind zum Teil schwere, große, unhandliche Holztafeln, eingepackt in Luftpolsterfolie. Aber warum nur?

Im Vorfeld wurde uns freundlicherweise vom Schweriner Notar das Testament zugespielt. In diesem ist ein letzter Wunsch des Malers zu lesen. Ich zitiere: 'Bloß nicht ins Museum. Außerdem wünsche ich nach meinem Ableben weitgehend menschenleere Galeriewände im Haus. Ich nehme fast alle Bildnisse vertrauter, liebenswerter Menschen mit. Mögen sie mich auf meiner Reise durch die Dunkelheit begleiten.'

Die Zeiten ändern sich. Früher verbot die Stadt Blumenkübel vor Wismarer Häusern, heute erlaubt sie Grabstätten auf Privatgrundstücken. Die Bearbeitung des Bauantrages erfolgte ungewohnt schnell. 'Wir sehen hier eine geräumige Grabkammer', schwärmt Nachbar Thomas Bittermann. Von ihm stammt die ingenieurtechnische Planung, eine perfekt gemauerte, gut ausgeleuchtete, zweigeschossige Spezialanfertigung in den Maßen 3,70 x 2,50 m.

Ehrenwerte Malerkollegen wie Karmers und Altmeppen verfolgen amüsiert am Rande stehend das Spektakel. Auch ZEIT-Zeugen wie Ulrich Schnabel, Urs Willmann und Rainer Urban schmunzeln still vor sich hin.

Der Trauerzug setzt sich nun langsam von der Galerie aus in Richtung Grabstätte in Bewegung. Errichtet wurde diese an der Südwand der Garage des geschätzten Ingenieurs. Er musste dem Verstorbenen versprechen, dass er lebenslänglich an Sonntagen Blumen und Brennnesseln am Grab gießen wird.

Jetzt hängen in der Atelier-Galerie vorrangig Stillleben und Seestücke. Jürgens' letzter Wunsch: 'Die gemalten vertrauten Portraits schaffen mir eine stabile Grundlage für den Sarg in der Gruft'. Eine konkretere Ansage steht auch im Testament: 'Alle überlebenden Portraitierten versenken bitte persönlich ihre Portraits, die sie nie erwarben. Nun ist es zu spät für einen Ankauf. Bilder mit Tieren oder Pflanzen sowie Seestücke konnten sich selbst nicht erwerben, dürfen somit überleben und weiterhin die Galerie farbenfroh schmücken.'

Pastor Herbert Manzei ruft die einzelnen Bilder auf, mit denen der Maler beigesetzt werden möchte.

Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys versenken mit verbittertem Blick die schwere Tafel ihres Bandportraits, vor dem sie 2021 in Schwerin auf einer Ausstellungseröffnung spielten. Da plötzlich ein greller Zwischenruf: 'Halt, halt!'' Es ist der Berliner Notar des Schauspielers. Aufgeregt ruft er: 'Hier, Herr Tukur, der Beweis.' Er zeigt auf seinem holografischen Pad den Trauernden einen Ausschnitt aus einem NDR-Interview aus dem Jahr 2015. In diesem sagte Jürgens: 'Der Tukur kann, falls er älter wird als ich, das Tafelbild erben.'' Welch eine Beisetzung! Der tosende Applaus gilt dem stolzen Notar.

'Zurück', ruft Tukur. 'Zurück, Jungs! Packt es wieder ein! Meine Frau Katharina schafft es mit ihrem Pickup noch in dieser Nacht zu unserem neuen Hauptwohnsitz am Schweriner See.'

Seit Jahren arbeitete Jürgens heimlich mit seinem Freund, dem Klempner Holger Wahls, an einer Salzsäuresprengleranlage. Ja, sie entwickelten eine, ich wiederhole mich gern, Salzsäuresprengleranlage.

Werte Hörer! Bedingt durch die Größe der Tafelbilder waren es aufwendige Baumaßnahmen.

Die dem Maler vertraute und einst geadelte Puffmutter senkt gerade die Tafelbilder ihrer ehemaligen Mitarbeiterinnen ehrfürchtig ab. Nun verschönern die sechs lebensgroßen Hurenbildnisse aufrecht stehend, selbstbewusst und farbenfroh die Außenwände der Grabkammer.

Weitere Gäste treten mit ihren Portraits heran. Es sind unter anderen Lucy Mae aus Venedig, Manfred Paul, Dirk Merbach und seine Tochter Marie aus Berlin sowie Saskia aus Alaska. Selbst der Weisse Dandy von St. Pauli ist gekommen. Auch er möchte diesem Spektakel beiwohnen.

Der legendäre Paul Millns versucht gerade sein Bildnis zu versenken, da ruft der Wismarer Buchhändler Jürgen Cremer trunklüstern in die Menge: 'Halt! Den Maler werden wir austricksen!' Unter seinem Arm trägt er einen Arm, einen in Öl gemalten. Diesen sägte der Maler einst vom Paul-Millns-Portrait ab, um seine Bildkomposition zu verbessern. Cremer triumphiert: 'Der Maler bekommt nur den linken Arm von Paul'. Er erhebt ein prall gefülltes Glas Rotwein und stürzt es genussvoll herunter.

Es folgen nun die gemalten Bürgermeister. Der ewige Bürgermeister von Groß Stieten und ein ehemaliger Wismarer mit kurzer Regentschaft.

Aufregung nebenan. Chefsekretärin Uta zieht sich dreimal in der Nachbargarage um. Sie trägt stolz die Kostüme der jeweiligen Portraits. Drei umwerfende Bildnisse malte Jürgens von ihr. 'Zum Glück wurde ich nicht noch öfter gemalt', murmelt sie in die Menge. Rauchend steht sie nun am Grab und geniesst ihren ersten Joint des Tages.

Zum Schluss singt die vitale Ruth Rupp: 'Und so kommt zum guten Ende, alles zu ihm in die Gruft'. Der Sarg mit dem Leichnam ruht nun auf seinem über viele Jahrzehnte selbstgefertigten Bilderberg.

Erlauben sie, werte Hörer, einen weiteren Auszug aus dem Maler-Testament: 'Im Falle meines zu befürchtenden Scheintodes ist ein auch in sargiger Dunkelheit deutlich sichtbarer Notknopf zu installieren. Als Schutz vor Grabschändung, wird sich die bereits erwähnte Salzsäureberieselungsanlage bei Öffnung von Außen einschalten und mich sowie meine Portraits umgehend vernichten. Von Innen ist mir eine Öffnung natürlich jederzeit säuerefrei möglich'.

Nun schliesst sich die Grabkammer. Ein kleiner schwarzer Solar-Bagger rollt leise heran, füllt das Grab mit Sand und dann mit Erde. Drohnen setzen zwei Rüttler ab. Diese verdichten umgehend das Erdreich. Wilder Rasen wird ausgerollt. Viele der Eltern und Großeltern der anwesenden Gärtner und Bauarbeiter besuchten jahrzehntelang die Saurier-Disco des Verstorbenen.

Aus der Garage nebenan wird stolz der dreieckige Grabstein herangeschafft, den der Maler dort seit mehr als dreißig Jahren aufbewahrte. Er ist das Gesellenstück eines geschätzten Wismarer Steinmetzes der Firma Burgfrieden. Das steinerne Werk ist ein ästhetisch schlankes Dreieck auf Löwentatzen. Mittelpunkt des Carrara-Steines ist ein gläsernes Oval, hinter dem der Maler in besten Jahren glücklich mit einen Glas Rotwein den Betrachter begrüßt. Die Inschrift: 'Ich befürchte, das Leben ist schön.' Darunter ein QR-Code, der zur Webseite des Malers führt. Auch dieser Podcast wird dort im Livestream abgelegt.

Welch ein Grabstein. Welch ein Grabstein! Großartig! Nun ist die Trauergemeinde zu einem kleinen Büffet auf dem frisch ausgerollten Rasen geladen. Edle Getränke werden vom Team des Reuterhauses gereicht.

Was ist denn das? Aufwendige Technik baut sich auf. 'Die Party geht weiter!' steht unter dem projezierten Regenbogen. Diese kurzweilige virtuelle Auferstehung war der absolut letzte Wunsch des Verstorbenen. Alles wurde von ihm als Hologramm sorgfältig vorproduziert. Lebensecht steht er nun wie einst als DJ hinter seinem Pult und ruft in die Menge: 'Oh man, dass ich das noch erleben darf! Hier ist die Saurier-Disco! Werte Disco-Gemeinde, lasst uns tanzen! Vor uns liegen ultimativ dreizehn gemeinsame letzte Stunden. Schüttelt das Haupthaar!' Nele, Ella und Lina, Vertraute aus der Nachbarschaft, jubeln. Ältere schütteln empört und völlig fassungslos die Köpfe.

Schwere Motorräder rollen heran. Keiner der trauernden Gäste kann dieser Party entfliehen. Das Anwesen ist plötzlich von Türstehern aus Hamburg umstellt. Zu Lebenszeiten freundete sich der Verstorbene mit ihnen auf St. Pauli an, wo er einst mit seiner Frau wohnte.

Doch plötzlich: Ein lauter Schrei hallt durch die tiefe Finsternis: 'N E I N !'
Es war ein Albtraum. Ich wache schweißgebadet auf, quäle mich aus dem Bett und laufe verwirrt durchs Haus. Alle Bilder sind noch da.

Ein Blick auf den Rechner. Ich sehe das Datum. 'Verdammt! Seit heute bin ich Rentner.'

Bild oben: Kraut und Rüben, Lasur und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 50 X 150 cm, 2008
Bild unten: Gabstein 2056
Text und Gabstein © MWJ, Wismar, 01.10.2022




Steilküste Klützer Winkel

Lasurtechnik auf Holz, 74 x 200 cm, 2022
Melancholie ist ein zu höchst erstrebenswerter Zustand


Ostsee, Ostseeküste, Klützer Winkel, Steinbeck, Manfred W. Jürgens Ostsee, Ostseeküste, Klützer Winkel, Steinbeck, Manfred W. Jürgens

'Wer das Rauschen nicht mag, soll nicht am Meer leben', sagt Kaptain Schickedanz in einem ❯ DEFA-Dokumentarfilm über ihn aus dem Jahr 1984.

Einsame Küstenlandschaften laden zum Dösen ein. Dösen ist für mich eine speziell nordische Art des in sich selbst Spazierengehens.

Steilufer, rauhe Winde und wogende Wassermassen bringen wortkarge Nordlichter zum inneren Leuchten und, man mag es kaum glauben, sogar zum heimlichen Philosophieren.

Schon als Kind saß ich, wenn auch viel zu selten, gern einsam am Binnenmeer namens Ostsee und träumte mich weg, weit hinaus ins Geheimnisvolle hinter dem Horizont.

Es ist immer wieder erholsam und zugleich auch ein Spazieren durch die Vergänglichkeit. Wanderungen am Meer sind wie gute Musik, man fühlt sich beim Genießen oft recht klein und schwebend glücklich.

Meeresrauschen trägt uns Menschen in die Unendlichkeit und sagt uns 'Die Zeit vergeht nicht, wir vergehen'. Gleiches erfährt auch das Gestein auf seinem Weg an der Küste. Da liegen Steine wie schlafende Urwesen, gelegentlich mit geheimnisvoll geschliffenen Mimen.

Die Weichsel-Eiszeit schob sie vor 12.000 Jahren aus Schweden an unsere Küste. Das Meer rieb viele von ihnen zu Sand und einige blieben nordisch trotzig als Findlinge liegen. Einige nennen sich Schwedensteine. Wie geht es einem schwedischen Stein, der Jahrtausende vom Wasser umspült wird? Sicherlich ist es ihm völlig egal, an welchem Strand er sich sonnt und badet. Haupsache Sand, salzige Luft und lachende Möwen.

Abbruchkanten offenbaren ockerleuchtend Erdpigmente in voller Schönheit. Uferschwalben bohren Nester in steile, sandig leuchtende Kanten. Wind weht Grassamen zwischen bald herab stürzenden Bäumen. Sie blicken in den Abgrund auf ihre vertrockneten Verwandten, die sich über Felsiges beugen. Das ewig hungrige Meer holt sie bei der nächsten Sturmflut und formt sie zu geschliffenen, hellen Holzskeletten. Verwundungen, Narben, Einschlüsse, gelegentlich auch mal ein Bernstein. Unaufhörliche illegale Sedimenttransporte zwischen Staaten, so ist das Meer. Es kennt keine Grenzen.

Da ein Totenkopf. Seit wann schleift ihn die See, oder legte sie ihn gerade frei?

Natürlich ist die Ostsee kein Ozean. Trotzdem an dieser Stelle ein Zitat der amerikanische Dichterin Sarah Kay: 'Es gibt nichts Schöneres als die Art und Weise, wie der Ozean sich weigert, mit dem Küssen der Küste aufzuhören, egal wie oft er weggeschickt wurde.'

Zwei gehen im Bild mit einem Hund spazieren. Es sind meine Frau und unsere Freundin Katharina mit leuchtend rotem Schal sowie deren Hündin Peppina.

Küstenwanderungen eignen sich nicht nur für Träumereien, sondern auch für melancholische Rückblicke. Eisige Kälte umweht die Spaziergänger.

Das Meer, dessen Allmacht, erinnert mich seit Jahrzehnten an einen Menschen, den es uns nahm. Wir nannten ihn Kirsche. Mit Ihm fuhr ich einst als ❯ VollmatrosenlehrlingManfred W. Jürgens, Vollmatrosenlehrling, Vollmatrosen Lehrling, MS Georg Büchner, Rolf Hilbert Wismar auf der MS Georg Büchner unter Kaptain Schickedanz zur See. Gemeinsam mit unserem Kumpel Stoff träumten wir davon, nach der Lehre auf dem Öltanker MS Böhlen zu fahren. Eine Augenkrankheit nahm mir zum Ende der Lehre das Seefahrtsbuch. Stoff seine Geschichte führte ebenso zum Verlassen der Reederei. Welch ein Glück aus heutiger Sicht.

14. Oktober 1976: Ein Navigationsfehler, der Tanker schlug leck und sank später vor der französischen Küste von Crozon. Vom Tod unseres Freundes erfuhr ich durch die Fernsehnachrichten.

Auf dem Weg zur Verschrottung sank später auch unser einstiges Ausbildungsschiff vor dem Kap von Rozewie am 30. Mai 2013.

Das Meer. Unentwegt nimmt es, oft auch unverzeihlich, aber es gibt und verschenkt auch Melancholie, Traumwelten, Urzeitliches, Entspannung und Fernweh. In jedem Küsten- und Meereszauber lebt natürlich auch die Gefahr. Vielleicht fischt gerade deshalb die Schönheit des Maroden daraus ihren Reiz. Im Blick ins unentwegt wühlende Unendliche des Meeres liegt eine seltsame, nicht enden wollende Faszination.

Nun wohne ich seit fünf Jahren erneut am südlichsten Punkt der Ostsee, in Wismar. Sicherlich wird dieses Meer mich noch oft zu neuen Bildern provozieren.

❯ Christian RedlChristian Redl, Manfred W. Jürgens würde dazu sagen 'Melancholie ist ein zu höchst erstrebenswerter Zustand'.

© MWJ, Wismar, 13.07.2022




Bildnis Ella

Lasurtechnik auf Holz, 86 x 57 cm, 2021
Vom Aufbruch in die Zukunft und von einem neunjährigen Mädchen aus der Nachbarschaft


Ella Naab, Manfred W. Jürgens Wismar, Bildnis Portrait, Kinderbildnis Ella Naab, Manfred W. Jürgens Wismar, Bildnis Portrait, Kinderbildnis

Zum Glück hatte ich einst Maler gelernt, ein Jahrzehnt auf Baustellen verbracht und vieles von anderen Gewerken angenommen. So konnte ich bei der Renovierung unseres neu erworbenen Hauses handwerklich sehr viel selbst machen. Die Pandemie belastete mich nicht so sehr wie anfänglich befürchtet. Es gab viel zu tun. Der Traum von einer eigenen Atelier-Galerie wurde dank Corona früher wahr als urspünglich geplant. In den vergangenen Jahren hatte ich gelernt, mir selbst zu genügen.

Ende Mai 2020 machte ich erstmals bei der Aktion KunstOffen in Mecklenburg-Vorpommern mit. Noch nie hatten meine Frau und ich an einem Wochenende mehr als 300 Interessierte zu Hause zu Besuch. Neugierige aller Altersschichten.

Seit Jahren träumte ich von einem Pendant zu meinem Bildnis 'Bosse im Wald‘Bosse im Wald. Ich suchte unbewusst nach einem Mädchen mit offenem Blick. Und plötzlich stand sie in der Tür, die neunjährige Ella. Nach zwei Sekunden war es klar: Sie ist da! Das ist sie, gab ich meiner Frau mit einer heimlichen Handbewegung zu verstehen. Sie nickte schmunzelnd, erahnte mein neues Portrait.

Im Nebenraum hörte ich Ella zu ihrem Vater sagen: 'Papa, Papa, guck mal, die Schublade ist nicht richtig zu'. Sie stand vor meinem 'Stillleben mit Wassermelone‘Stillleben mit Wassermelone. 'Wie malt man das, damit es so aussieht?' Nun war ich mir absolut sicher, das ist sie und stellte die Frage: 'Darf ich Dich malen?' 'Mich?' 'Ja, Dich'. 'Und was ist das Thema?' 'Du, Dein Aufbruch in die Zukunft'.

Viele einst erträumte Bildideen in puncto Mädchenportrait wurden verworfen. Ihre über dem Pulli getragene Armbanduhr gefiel mir als Metapher für Erblühen und Vergänglichkeit. Der Hintergrund sollte etwas mit unserem Heimatort Wismar zu tun haben. Somit wählte ich einen Blick vom Mühlenteich auf die hinter Bäumen versteckte Stadt.

Auf Ellas Seite wuchs die Neugierde, als ich mit der Tafel begann. Oft winkte sie nach der Schule vor meinem Atelierfenster, ich öffnete ‘Willst Du gucken?’ ‘Ja!‘ So erzählten wir uns vor dem entstehenden Portrait unsere Geschichten. Die entstandene Vertrautheit empfand ich als Reichtum.

‘Meine Mutter hat den gleichen Vornamen wie Du, Ella.‘ ‘Lebt sie noch?‘ ‘Nein, sie starb als ich 16 war.‘

‘Morgen früh haben wir in Mathe eine Prüfung, bereits um halb acht. Du musst an mich denken, ja?‘ Und tatsächlich dachte ich am Folgemorgen an sie. Wie schade, dass das Portrait eines Tages fertig sein wird.

Ella schenkte mir eine Tüte mit einem Apfel. Die Tüte hatte sie bemalt. Heute hängt sie eingerahmt gegenüber dem Portrait in der Atelier-Galerie.

Halloween. Vor der Haustür standen zwei großartig verkleidete Kinder. ‘Was macht Ihr beruflich?‘ ‘Ich bin der Tod‘, sagte ein Junge. ‘Boah und Du?‘ ‘Ich bin ein Dämon.‘ Die Mädchenstimme forderte ‘Süßes, sonst gibt's Saures‘. ‘Erkennst Du mich?‘ ‘Ja, aber nur an der Stimme. Du bist meine jüngste Freundin Ella.‘ Der Tod staunte. Fröhlich zogen beide weiter.

Wochen später besuchte mich Ella mit einem gleichaltrigen Freund. Auch er sollte das Bild in seiner Entstehung sehen. ‘Manfred, das ist Jan.‘ Aus reiner Vermutung sagte ich: ‘Du warst schon mal hier zu Halloween.‘ ‘Ja! Genau. Weißt Du, was Ella erzählt hat: Sie sagt, sie hat jetzt einen alten, ganz ganz alten Freund in der Nachbarschaft. Der malt auch. Er sieht aus wie ein Braunbär, aber ein bißchen auch wie ein Eichhörnchen.‘

Tage vergingen. Es klingelte. Ella stand mit den Worten in der Tür: ‘Also, auf Euch Eichhörnchen ist auch kein Verlass mehr.‘ In ihrer ausgestreckten Hand lag eine Nussschale. ‘Wenn Du nochmal bei uns auf dem Hof bist und dort ohne unser Wissen rumknabberst, so räum beim nächsten mal bitte danach auf!‘ Wir kicherten gemeinsam und setzten uns an die Staffelei. Staunend sah ich blonde Haare und schwarze Wimpern.

Ellas Mutter fuhr mit ihr in den Kurzurlaub. Von dort aus schickte sie mir eine Postkarte, natürlich mit einem Eichhörnchen. Es ist echt zum Piepen! Irgendwie bringt Ella mir meine Kindheit zurück. Welch große Freude.

Immer wieder scannt mein Blick ihr Wesen. Wie erzähl ich im Bild das, was ich hier erlebe? Welche Physiognomie sollte dem Portrait letztendlich innewohnen?

Außerdem: ‘Ella, welche Uhrzeit könnte die Uhr an deinem Handgelenk haben?‘ ‘15:23 Uhr, so die prompte Antwort.‘ ‘Warum denn diese Zeit?‘ ‘Na, Du hast doch mal gesagt: Aufbruch in die Zukunft. Um 15:23 Uhr wurde ich geboren.‘
‘Kannst Du mir Deine Uhr zum Malen borgen?‘ ‘Ja, aber nur einen Tag!‘

Wir hörten unseren Nachbarn Thomas seine Harley-Davidson anwerfen. ‘Ella, komm, wir gucken uns die mal an!‘. Sie bewunderte mit großen Augen die Maschine und fragte schüchtern: ‘Darf ich mich da mal raufsetzen?‘Ella Naab, Manfred W. Jürgens Wismar Ihr Vater kam zufällig staunend dazu: ‘Papa, Papa, wenn ich groß bin, so die Neunjahrige, werde ich auch eine Harley haben. Dann führen wir Akrobatik auf! Vorn fahren die Rocker mit Pistolen und dahinter zeigen wir Mädchen während der Fahrt turnend unsere Kunststücke.‘

Zurück ins Atelier. ‘Irgendwie ist das schön. Das gefällt mir. Warum malst Du meinen Pulli in diesem Rot?‘ ‘Das Ocker passte inhaltlich nicht so gut.‘ Sofort war in ihr ein Wunsch geboren. Zu ihrem 10. Geburtstag schenkte ihr ihr Vater das Kleidungsstück im Farbton des gemalten Bildes.

Als die Tafel fertig war fotografierte ich sie vor dem Bildnis. Ella Naab, Manfred W. Jürgens WismarIhre Mutter berichtete mir, dass Ella tanzend und voller Glück nach Hause kam.

Ruth Rupp besuchte uns und ich bat Ella dazu. Zwischen beiden liegen 85 Jahre Altersunterschied. Es ist mir immer wieder eine große Freude, wenn sich die Portraitierten kennenlernen. Beide waren voneinander begeistert.Ella Naab, Ruth Rupp, Manfred W. Jürgens Wismar

Ella besuchte mich wieder im Atelier, diesmal fordernd. ‘Dass du ständig am Portrait gemalt hast, das verstehe ich, da Portraitierte auf die Fertigstellung warten. Aber jetzt, bei deinem Seerosenbild, geht es doch nur um Blätter. Die warten doch nicht. Du musst auch mal raus gehen und nicht nur in der Bude rumhocken und malen. Komm wir ziehen um den Block.‘ So schlenderte sie mit mir in Richtung Spielplatz. Das letzte mal saß ich vor 55 Jahren auf einer Schaukel. Welch seltsames Erlebnis.

‘Mama hat nur ganz wenig geholfen.‘ Zu meinem 65. Geburtstag buk sie mir einen Kuchen und bastelte für mich eine Papierfledermaus im Origami-Stil. Auch diese hängt nun gegenüber ihrem Portrait.

Auf der Staffelei entstand mein Seerosenbild. Seerose, Manfred W. Jürgens WismarDurch Ella traten mir verschüttete Erlebnisse aus der Kindheit ganz deutlich und detailiert ins Bewusstsein. Einst wuchs ich am Waldrand fern des kleinen Dorfes namens Schönhof auf. Wald und Ortsteil Wendorf existieren nicht mehr. Dort gab es einen kleinen Teich mit ein paar Seerosen. Stundenlang saß ich als Drei- und Vierjähriger dort, beobachte Insekten und hungrige Teichfrösche. Ohne Ella wären diese nicht ins Bild eingeflossen.

Danke Ella!

© MWJ, Wismar, 18.01.2022




Bildnis Erna Thomsen

Lasur- und Mischtechnik auf Holz, 137 x 172 cm, 2010
Von einer kleinen Frau die 63 Jahre hinter dem gleichen Tresen stand und von einem gemalten Bildnis das an sie erinnern möchte


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Zu Beginn ein Geständnis: Ich liebe starke Frauen. Zum langen Leben einer Frau gehört eine lange Geschichte. Schon als Jugendlicher besuchte ich gern ein paar Dörfer entfernt Tante Lotti im Mecklenburgischen Drispeth. In der Gaststätte dieser älteren Dame, in rustikaler Wohnzimmeratmosphäre mit Kumpels Bier zu trinken war irgendwie Kult. Dort feierten drei Generationen und erzählten sich ihre Geschichten. Gern hätte ich damals Lotti gemalt. Aber die kleine Wirtin, vor der wir großen Respekt hatten, wollte sich nicht portraitieren lassen.

2002 feierte ich erstmals im Hamburger Silbersack auf St. Pauli. Seitdem brachte er mir viel Glück. Hier lernte ich über die Jahre interessante Menschen aus allen sozialen Schichten kennen. Klein- und Großkriminelle, Schauspieler, Politiker, Musiker, Huren, Theaterdirektoren, Pastoren, Banker, Poser, Verzweifelte, Suchende, leichte und schwere Trinker, Hilf- und Haltlose, Wirte und Verwirrte, Verlierer und Optimisten, Rosen- und Zeitungsverkäufer.

Hier ergab sich bereits 2004 meine spätere Venedig-Ausstellung. Und hier am Tresen floss in mich die Idee, die Kiez-Wirtin Erna Thomsen zu portraitieren.

Auf dem glückseligen Heimweg nach einem Silbersack-Besuch sagte ich zu meiner Frau: 'Hast Du der Chefin beim Tschüss-Sagen in die Augen gesehen? Diese Dame müsste man malen. Inklusive ihres Universums namens Silbersack.' 'Wie Bitte?' erwiderte sie. ’Die ganzen Wimpel und Flaschen auch?' 'Ja, doch!‘ Ich hatte den Eindruck: Da hat jemand für uns seine Zeit aufgehoben. Vor derartiger Konsequenz habe ich nach wie vor sehr großen Respekt.

2007 zogen wir nach Hamburg. Dieses St. Pauli war, wie ich, voller Widersprüche. Der ungeschönte, neugierige Blick in den Abgrund faszinierte mich. Der Teufel weiß, warum ich ihm gelegentlich ins Auge sehen möchte. Ist es die unstillbare Neugierde am Leben?

Im Leipziger Brockhaus Conversations-Lexikon aus dem Jahr 1884 las ich: 'Gast- und Wirtshäuser im heutigen Sinne gab es schon im Altertum in großer Zahl. Großenteils waren diese räucherigen und, wie Horaz sagt‚ ‘fettigen Stuben‘ für die niedrigste Klasse der Bevölkerung bestimmt, die sich hier ohne große Bequemlichkeit restaurierte, zechte, tanzte und Neuigkeiten erzählte. Aber es gab auch Tabernen, in welchen feinere Genüsse vornehme Leute fesselten und in denen man, zumal mit Glücksspiel und feilen Weibern, ein Vermögen durchbringen konnte.''

Nun wohnten wir in einem Loft auf dem Hotel Hanseport parallel zur Herbertstrasse. Der Kneiper an der Ecke, erzählte mir schmunzelnd mit Blick auf mein Atelierfenster: Früher war da oben mehr los. Dort arbeitete eine recht geschäftstüchtige, wunderschöne Edelhure.

Als meine Frau erstmals aus dem Fenster unserer neuen Wohnung in die schmale Gasse der Erichstrasse sah, meinte sie: 'Déjà-vu: Diesen Blick kenne ich.’ Sie ging ans Bücherregal, zog einen kleinen Bildband heraus. Ein Geschenk aus vergangenen Tagen. Frauen auf St. Pauli, eine 1970er Jahre Dokumentation in Schwarz/Weiss.

Tage später zeigten wir an der Bar gegenüber das Buch. Eine befreundete Althure, die mit 76 immer noch anschaffte, erkannte viele der Damen von einst. Ihr Blick schwebte ins Unendliche: Tchja, meine Freier sind gemeinsam mit mir alt geworden. In ihrem Gesicht breitete sich ein wehmütiges Lächeln aus.

Regelmäßig feierten wir uns durch den nächtlichen Kiez und versuchten, das neue Leben zu verstehen und schätzen zu lernen. Auch das Schmutzige kann seinen Reiz entfalten. In wundersamen, gelegentlich auch liebenswert abgerockten Spelunken und Grotten wurden Tresendamen, Barkeeper und Huren zu Vertrauten und manchmal sogar zu Freunden.

Hamburger Theater besuchten wir bereits, bevor wir dort wohnten. Oft nächtigten meine Frau und ich im Stundenhotel schräg gegenüber vom St. Pauli Theater. Großes Kino vor und im Theater. Welch interessant-absurdes Erleben. Der Kiez wurde zum Sehnsuchtsort.

Wenn Ulrich Tukur und seine Band im St. Pauli Theater auftraten, saß Hamburgs älteste Wirtin Erna Thomsen oft in der ersten Reihe. Ulrich lud sie regelmäßig ein und seine Abschlußmoderation der Konzerte endete oft mit den Worten: 'Wir sehen uns später in einem der bemerkenswertesten Etablissements dieser Stadt, in Ernas Silbersack.'

Solide Preise: Bier für 1,90 Euro die Flasche, war einst außen im Schaufenster zu lesen. Auf dem Poster eine sparsam gekleidete junge Dame mit der Überschrift: Bitte beachten sie auch das Bier! Nebenan glückliche Fußballer. Auf dem Platz vertraten ’Ernas Jungs’, eine vitale Freizeitfussballmannschaft mit dem großartigen Namen ’FC Silbersack’, den Laden. Innen, auf den Silbersack-Tischen, standen bei Erna prinzipiell Graniniflaschen mit täglich frischen Blumen. Dort sah ich den ersten Tresen mit Reling. Eine Mecki-Figur und Postkarten, unter anderem von Hans Albers und Freddy, zierten die Regale.

Und Erna? Erna kam nicht, sie erschien. Trug immer Rot, papstrot, war zugleich Kapitän und Grande Dame auf ihrem Schiff namens Silbersack, das sie sicher durch die Höhen und Tiefen ihrer Jahrzehnte lenkte.

Vieles funktionierte bei ihr über nonverbale Kommunikation. Sie war charmant, herzlich und streng zugleich. Eine kleine Frau, zu der man aufsah. Erna, die Seele dieser Kiez-Kneipe. In puncto Rotlicht meinte sie zu mir ’Dabeisein ja, aber nicht mitmachen.’

’Bier habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht eins getrunken. Das ist mir zu bitter. Gelegentlich ein Glas Sekt, mal einen kleinen Eierlikör oder ein Glas Champagner.’

Erna freute sich, wenn gefeiert wurde, denn wer feiert, trinkt, und das ist gut fürs Geschäft. Egal ob Student, Geschäftsmann, Schauspieler oder Sextourist.

Das Geschäft mußte laufen! In den 50-er und 60-er Jahren boomte es. ’Lütt und Lütt’, 0,1 l Bier und 'nen Kümmel, für 45 Pfennig waren der Hit. In den Toilettenräumen wurden Lippenstifte, Strumpfhosen, Kondome und Pornohefte verkauft.

Die 70-er waren schwerer, der Nachholbedarf gedeckt. Es wurde weniger getrunken. Familienväter sparten auf ein kleines Auto und den lang ersehnten Italien-Urlaub. Gehälter gab es plötzlich nicht mehr in Lohntüten, sondern aufs Konto überwiesen, da war es bedeutend sicherer vor dem Absacker im Silbersack. Fischfangzonen wurden eingerichtet, auch Hamburger Reedereien gaben auf. Seeleute wurden arbeitslos und Ernas Umsatz ging spürbar zurück. Sie sagte: Es war bitter. Sogar Mitarbeitern mußte ich kündigen.

Mich faszinierte diese kleine starke Frau. Sie erinnerte mich an Tante Lotti aus Drispeth. Im Alleingang hatte ich leise angefragt: Frau Thomsen, ich würde sie gern malen. Ihre Antwort war: 'Nun sag nich immer Frau Thomsen. Ich bin Erna.'' Sie sah durch mich hindurch: 'Ich wurde schon mal gemalt. Das war nicht so.' Damit war das Thema für lange Zeit vom Tisch.

Der Montag war der entspannteste Tag im sonst so exzentrisch pulsierenden Kiezleben. Die Masse lag noch für kurze Zeit im wochenendbedingten Koma. Die Wirte hatten sich schon einen Tag erholt und freuten sich auf die nächste Runde.

Vorbei an den vertrauten Mädels aus der Nachbarschaft, die ab 20 Uhr in ihrem Revier standen und sich allabendlich Freier von der Strasse pflückten. 'Na, Pumuckl, wie sieht's denn heute mit uns aus?' 'Ich geh jetzt in Silbersack!'' 'Neh, ne! Ob das besser für dich is? Da hab ich große Zweifel!'

Aus den Clubs schallte Partymusik und trug mich fort in Ernas Welt. Wie gesagt, sie hatte für uns ihre Zeit, die Nachkriegsjahre, ein Jahrzehnt des Neubeginns, aufgehoben. Oft landete ich nach meiner Malzeit an der Staffelei des Nachts dort. An Montagen stand Nils C. Freytag als Büfettier hinter dem Tresen. Ihm erzählte ich von meinem Misserfolg bei Erna. Er meinte gelassen: 'Erna is 'ne harte Nuss. Lass mich da ma machen, wir brauchen sehr viel Geduld und Zeit.'

Hatte er tatsächlich das Gespür für richtige Momente? Wenn er das schafft, so male ich ihn mit ins Bild, als Postkarte gleich neben Hans Albers. Monate später sagte er zu Erna: ‘Ganz im Vertrauen, eigentlich könntest du dich von Manfred malen lassen.' Woraufhin sie nur leise antwortete: 'Ja. Aber es darf nicht lange dauern!''

Am Folge-Montag doubelte Nils sie hinter dem Tresen. In der linken Hand das frisch gestärkte, weiße Taschentuch, in der rechten der steinalte Flaschenöffner. Erna hatte mir erlaubt, mit Stativ und inszeniertem Scheinwerferlicht eine Stunde in ihrem Laden zu fotografieren.

Irgendwann schenkte mir meine Lieblingswirtin tatsächlich etwas Zeit und modelte kurz vor Dienstbeginn hinter ihrem Tresen.

Gelegentlich trank ich mit einem Obdachlosen. Er sprach von dem Gefühl der Freiheit leerer Hände. Hier in dieser Kneipe war seine Welt völlig in Ordnung. Hier, das war seine Familie. Viele trugen Erna als Freundin, Schwester, Mutter oder Oma in ihrem Herzen, bei der man zünftig feiern konnte. Schau sie dir an! Sie kam vor über 60 Jahren vom Dorf und wurde zur Ikone, die ohne sich zu verraten, täglich von Neuem die Großstadt eroberte. Vielleicht begegneten wir ihr deshalb mit so großem Respekt.

An Ernas Geburtstag gab es Freibier. Ihre Ansage war kurz und knapp formuliert: Bitte keine Geschenke! Nur Spenden für die Kinder von St. Pauli.

Guck mal da, der Ede. Wo hat der denn den schicken Anzug her? 'Aus'm Pfandhaus', entgegnete er stolz! Und wo gibt es denn Mitte April einen so wunderschönen, großen Kirschblütenstrauß. 'Tchja, ich hab da in den letzten Wochen halt mehr Flaschen gesammelt. Aber heute wird Ernas Geburtstag gefeiert. Prost, auf ein langes Leben, Erna!'' Er drückte für sie die Nummer 148 in der Juxbox ‘Schön war die Zeit‘ von Freddy Quinn.

Das Sparschwein auf dem Tresen fasste an solchen Tagen bis zu 13 000 Taler. Um Mitternacht rief Erna an: Ihr könnt kommen, teilt es euch. Aber vergeßt nicht die Spendenquittung. Hort und Kindergarten teilten sich die edle Finanzspritze.

Es begann die Zeit größerer Vertrautheit. Es sind olle Kamellen, erzählte sie gelassen, aber der Freddy war wirklich ein netter Junge und Manfred, von sonem Tresenhocker, auf dem Du da grad sitzt, fiel Hilde Knef gelegentlich morgens um halb vier runter. Mit einem Franzosen hat sie hier in den 1950-ern mal 'nen Film gedreht, gesehen habe ich den nie. Und mein Freund Hans, ja der Albers, wollte im Suff nie seine Zeche bezahlen, sonst schon.

'Damals war mein Mann Friedrich noch dabei. Es war ein Trümmergrundstück, auf dem wir das hölzerne Haus bauten. Das Holz bezahlten wir beim Förster in Naturalien. Ich glaube, er hat damals einen Eimer Honig und ein Fahrrad bekommen. Am 25. Juni 1949 eröffneten wir den Silbersack’.

An die in der Nachbarschaft arbeitenden Mädels wurden in den Anfangsjahren Bons verteilt. Gratis-Bons für heißen Bohnenkaffee, der nach dem Krieg etwas Besonderes war, und wo die Mädels saßen, tranken auch gern Hafenarbeiter, Seeleute und Walfänger, die es damals noch gab. Walfänger gaben vertrauensvoll ihre Heuer bei Erna am Tresen ab, sie informierte dann deren Frauen. Diese kamen umgehend und man teilte sich vertraglich mit Unterschrift die Heuer. So konnten auch die Familien der Walfänger überleben und die harten Jungs verprassten nicht gleich alles am ersten Tag ihres Landgangs.

Ernas Mann verstarb 1958 an Krebs. Ans Aufhören konnte und durfte sie nicht denken. Die Kinder lebten, bis sie zehn waren, auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Rethen bei Braunschweig. Von dort kam auch der Honig, mit dem sie in den Nachkriegsjahren das eine oder andere tauschen konnten. Hat es denn nie wieder einen Mann gegeben? ’Nein, mit drei Kindern heiratest Du nicht wieder.’ Und sie ergänzt zufrieden: ‘Anträge gab es.’

In den Jahren 2009/10 malte ich nun endlich am lebensgroßen Erna-Bildnis. Leinwand auf Holz in alter Technik. Es war eine große Freude. Wenn ich nicht weiter wußte, ging ich in den Silbersack zu Erna, um ihr in die Augen zu sehen. 'Du bist ja in letzter Zeit oft hier!'' 'Ja, es ist rein beruflich! Erna, Du stehst hier schon seit weit mehr als 60 Jahren hinter dem gleichen Tresen…' 'Ach was', winkte sie leicht mürrisch ab, 'das ist nie langweilig. Was denkst du denn, soll ich etwa auf dem Sofa vorm Fernseher einsam verkümmern?''

Es gibt ein Video von Pavel Lavrov über mein Tafelbild. Es war seine Abschlussarbeit als Mediengestalter bei Studio Hamburg. In diesem behaupte ich tatsächlich zu Beginn der Arbeit am Portrait, dass das Bild drei Monate Zeit in Anspruch nehmen wird. Wie naiv war das denn bitte? Neun Monate hat es gedauert.

Nun, nach Fertigstellung, erzählte ich Erna von meiner oft seltsamen Art der Bildpräsentation. 2007 machte ich in der Schweiz auf der Alp Wispile ❯ die erste Ein-Bild-Ausstellung mit meinem Bildnis der Kuh Soraia. Die Zutaten waren ein Berg, eine liebenswerte Bauernfamilie, ein Kuhstall und ein Tafelbild auf einer Staffelei. Es waren zwei Tage, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, mit vielen interessierten und auch internationalen Gästen.

'Können wir das mit Deinem Bild hier im Silbersack auch machen?'' Ihre Antwort: 'Aber nicht zwei Tage!'

Zwischenzeitlich waren Erna und Nils bei mir im Atelier. Später verriet sie im Silbersack, sie hätte sich mehr Glanz in ihren Haaren gewünscht. Danach war lange Ruhe mit der Idee einer Ein-Bild-Ausstellung. Doch dann ein überraschender Anruf von Erna persönlich: 'Du, Manfred, Ich hab's mir überlegt. Wir machen das!' 'Prima, ich lade ein.'

In einem Blog von Oskar Piegsa las ich in dessen Ankündigung, dass Erna und ich trendresistent seien. Trendresistent. Welch schönes Wort. Ich kannte es nicht. Aber es beschrieb unsere Lebensphilosophien recht treffsicher. Wir bekamen eine ganze, scheinbar werbefreie Seite als Vorankündigung im Kulturteil des Hamburger Abendblatts.

Drei Tage vor der Ausstellung meinte meine Frau: Da sind doch Knollen drauf auf deiner Erna-Tafel. Ich ruf mal ASTRA an. Und tatsächlich hielt die Brauerei 400 Besucher am Ausstellungsabend mit Bier frei. Danke ASTRA!

Noch nie hatte ich in einer Kneipe vor laufender Fernsehkamera allein eine Ausstellung eröffnet. Der Laden war knackenvoll. Keine Reizüberflutung, keine Musik, keine Aschenbecher auf den Tischen. Thematisch gab es nur Erna und das Portrait von Ihr. Unbemerkt wechselte an diesem langen Abend mehrfach das Publikum. Am Folgetag sahen wir uns in einem NDR-Beitrag im Abendjournal. Erna war begeistert von dieser gelungenen Werbung für ihren Laden!

Als ich ihr erzählte, dass ich momentan den 94-jährigen Helmut Schmidt male, meinte sie: Dem würde ich gern mal den Aschenbecher hinstellen. Die Fertigstellung dieses Portraits erlebte Erna nicht mehr. Sie verstarb mit 88 Jahren am 9. Mai 2012.

Am Vormittag des 18. Mai 2012 saßen auch meine Frau und ich heulend in der überfüllten St. Pauli Kirche. Vor dem Altar war der Sarg aufgebahrt. Ernas Sarg. Trauernde aus allen gesellschaftlichen Schichten folgten andächtig den Worten von Pastor Sieghard Wilm. Auf der Empore spielte sanft ein Akkordeon: In Hamburg sagt man Tschüß. Vor der Kirche standen viele, viele Trauernde Spalier, als Ernas Sarg aus der Kirche getragen wurde.

Nach der Trauerfeier saßen wir erstmals still und ohne Erna im Silbersack.

In der ❯ Traueranzeige Erna Thomsen Traueranzeige im Hamburger Abendblatt waren folgende Worte von Ulrich Tukur zu lesen: ’Ich glaube, es ist das Geheimnis dieser kleinen Kneipe, dass ein Mensch dageblieben ist und über ein halbes Jahrhundert treu war.’

© MWJ, Wismar, 14.12.2020

❯ Detail Manfred W. Juergens, Wismar Gallery

❯ Diese Bildgeschichte als Hörstück

❯ Fotografischer Nachruf für Erna 2012

❯ Ein-Bild-Ausstellung im Silbersack 2010




Huhn aus Ahnebergen

Lasur- und Mischtechnik auf Holz, 41 x 24 cm, 2003
Von einem niedersächsischen Huhn und einem Kunstfreund in Mecklenburg


Ein befreundeter Sammler bat mich 2007 um ein paar schriftliche Worte zu einem Bild, das er von mir erworben hatte. Am Telefon hörte ich ihn sagen: 'Meine Tochter mag das überlebensgroße Portrait von deinem Huhn aus Ahnebergen.' So entstand meine erste Bildgeschichte.

Als ich 2005 in der Gallery Holly Snapp in Venedig ausstellte, wünschte sich ❯ Lucy Mae, Realistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismardie Tochter der Galeristin, dass ihre Mutter ihr mein Hühnerbildnis kauft. Aber diese sagte: Geh zu deinem Vater, der ist auch Maler, er möge dir ein Huhn malen. Aber dieser malte in seinem Palazzo auf der venezianischen Giudecca lieber schöne Studentinnen.

Kürzlich las ich im Brockhaus Conversations-Lexikon aus dem Jahr 1884 Folgendes: In der Landwirtschaft gab es eine Zeit, wo das Federvieh als notwendiges Übel betrachtet wurde. 'Willst Du verderben und weißt nicht wie, so halte recht viel Federvieh!', lautet ein alter Bauernspruch.
Hühnervögel leben meist an der Erde, fliegen schwer mit rauschendem Flügelschlage, nähren sich von allem, was an und im Boden zu finden ist wie Samen, Insekten, Würmer, Knospen etc., machen ein kunstloses, offenes Nest am Boden, in dem sie viele Eier bebrüten, und leben meist in Vielweiberei. Das Männchen ist in diesem Falle weit größer und schöner gefärbt als das Weibchen.

Portraits von Hühnermännern, also von Hähnen, sollten erst in den Folgejahren in Städten wie ❯ HamburgRealistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar und ❯ Bremen Realistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismarentstehen.

Erinnerungen. Im mecklenburgischen Schönhof, dem Dorf meiner Kindheit, gab es ein seltsames Spiel namens Hühnerfangen. In den Sommerferien luden wir kleinen Dorfjungs uns gegenseitig auf unsere Höfe zu diesem recht zeitaufwändigen Unterfangen ein. Oft kamen zwei oder drei mit ihren Weidenkörben dazu. Zuerst galt es, die Stock- und Bandlängen anzugleichen. Die Weidenkörbe wurden nebeneinander im gleichen Abstand auf den Kopf gestellt. Unter jeweils eine Seite stellten wir einen Stock, an dem ein Band befestigt war. Unter die angeschrägten Körbe streuten wir Getreide und warteten versteckt stundenlang auf die hungrigen Hühner. Es wurde eine Strichliste geführt. Wenn eines unterm Korb pickte - zack - zog man am Band, das Huhn war gefangen und ein weiterer Strich zierte die Liste. Punkte galten als Achtungserfolge. Das aufgescheuchte Huhn wurde umgehend frei gelassen und wir warteten auf das nächste.
Selten hatte ich die meisten Punkte, da ich, das Warten überbrückend, lieber die Hühner zeichnete. Ich liebte dieses Spiel.

Da ich einst in Berlin Wissenschaftsgrafik studierte und auch nach dem Studium für den Zoologen ❯ Prof. Dr. Dr. Heinrich Dathe Realistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismartätig war, ist mir der zoologische Blick aufs Vieh nie so recht abhanden gekommen. Jedoch vermischt er sich zunehmend mit meiner Haltung als Porträtmaler.

Als ❯ SchwiegerelternRealistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar noch lebten, fuhren meine Frau und ich gern zu ihnen ins niedersächsische Dorf namens Ahnebergen. Natürlich wohnten dort auch Hühner. Eines fand ich besonders schön, also unbedingt malenswert. Da ich nur noch selten zeichne, fing ich an zu fotografieren. Am ersten Tag waren es nur zwei Stunden.

Hühner sind bekanntlich nicht sehr hoch. Um von ihnen gute Portraits zu bekommen, empfahl es sich, das Teleobjektiv im Anschlag und auf dem Bauch kriechend, ihnen im Abstand von 30 bis 40 cm in deren Kopfhöhe über den Hühnerhof zu folgen. Irgendwie erinnerte mich diese Situation an meine Armeezeit.

Hühner, welch seltsame Geister. Sie sind ständig am Picken und laufen unruhig durch ihr Geflügelleben, wackeln permanent mit dem Kopf. Da ist nichts mit in Ruhe Modellsitzen für den Maler, kein sorgfältig inszeniertes Licht mit Scheinwerfern. Ja, ich hätte ganz allgemein ein Huhn malen können, aber ich meinte dieses konkrete in seiner eigenständigen Schönheit.

Die ersten scharfen Fotos erhielt ich am zweiten Tag, nach etwa vier weiteren Stunden auf Hühneraugenhöhe mit dem neugierigsten Huhn des Dorfes. Am dritten Tag hatte ich den Eindruck, dass wir uns schon ewig kannten. Ähnlich reagierte das Huhn. Der Hahn erteilte mir weiterhin Platzverweise. Vielleicht war er eifersüchtig. Zu einem Hahn gehören durchschnittlich 10 bis 20 Hühner. Ich sagte ihm, dass mir sein Leben zu anstrengend wäre. Warum seine Bräute Italiener genannt werden, ist mir bis heute unklar. Ihre großartige Legeleistung ermöglichte bereits im 6. Jahrhundet orthodoxen Mönchen die Temperamalerei. Auch ich benutze in meiner heutigen Maltechnik Eitempera. Huhn sei Dank für eines der langlebigsten Bindemittel der Malereigeschichte.

Zurück nach Ahnebergen. Schwiegervater fragte seine Tochter an meinem vierten Fototag mit Blick auf den Hühnerhof 'Watt schall datt da bloss?'. 'Papa, Manfred will doch das Huhn malen!' Er schüttelte nur mit dem Kopf. Vermutlich machte er sich Sorgen um den Geisteszustand seines Schwiegersohnes.

Als ich das gemalte Porträt meines Ahneberger Huhns ein Jahr später zeigte, hörte ich 'Das haben wir gegessen'.

Mein Sammler-Freund erzählte mir später, dass er diese Geschichte seiner kleinen Tochter in der Küche vor dem dort hängenden Bild vorgelesen hätte. Sie hörte sehr interessiert zu, war jedoch wegen des letzten Satzes recht traurig. Lotti mag es nicht, wenn Tiere sterben.

© MWJ, Wismar, 18.11.2020

❯ Detail Manfred W. Juergens, Wismar Gallery

❯ Ahnebergen | Fotografien 2008-14

❯ Diese Bildgeschichte als Hörstück





Portrait-Zyklus Huren 1996/97

Lasur- und Mischtechnik auf auf Holz, 6 x 120 x 60 cm


Ein Freund war mit meiner Frau durchgebrannt. Zum zweiten mal stand ich vor dem Nichts. Frau weg. Kind weg. Keine Wohnung, kein Geld. Selbst der Job war weg. Warum mußte ich das zum zweiten Mal erleben? Ich empfand mich als lebensunfähig. Meine verbliebenen Möbel hatte ich verkauft. Ich soff, betäubte meinen Schmerz gründlich.

Der Dorfpastor zog mich aus dem Straßengraben. Ihm sei ähnliches passiert. Seine Frau würde bald aus dem Pfarrhaus ausziehen. Dann könnte ich zwei kleine Zimmer unter dem Dach nutzen. Es gab Bedingungen zu erfüllen. Eine Bitte war, daß ich, wenn ich wieder auszöge, den Flur des Pfarrhauses renoviere. Ich hatte Maler gelernt. Kein Problem. Zum Zweiten: Keinen Tropfen Alkohol. Der Kirchgemeinderat stimmte einstimmig zu. Welch ein rettendes Glück! Ein Jahr lang trank ich nur Wasser.

Das erste halbe Jahr wollten meine Hände nicht das, was ich von ihnen gewohnt war. Ich konnte nicht mehr malen, fühlte mich gelähmt. Es war eine schreckliche Zeit. Ja, ich war suizidgefährdet, hatte jedoch dem Pfarrer, mit dem ich mich auch heute freundschaftlich verbunden fühle, versprochen, mir nichts anzutun.

Aus einem Jahr wurden bei mir 18 Monate Pfarrhaus. Meine Selbstreparatur war aufwändiger als ursprünglich gedacht. Der Pfarrer und ich frühstückten gelegentlich gemeinsam. In der letzten Nacht habe ich etwas sehr seltsames geträumt, erzählte ich ihm einmal. Im Traum zog ich nach Wismar, ging ins Bordell und malte die Huren. Seine Antwort war spontan: Wenn ich Maler wäre, so würde ich das sofort tun!

Also renovierte ich den heiligen Flur. Der Dorfklempner packte meinen Sperrmüll und die Staffelei in seinen Transporter und fuhr mich nach Wismar. Dort besetzte ich ein zu Teilen leer stehendes altes Haus. Es war Wendezeit.

Selbst in der Ferne sah ich keine blühende Landschaften. Versichert war ich schon lange nicht mehr und der Personalausweis war seit Jahren abgelaufen. Ein Konto? Nein. In Wismar startete ich voller Zuversicht mit 30 DM in meine Zukunft als Maler. Ich hatte nichts zu verlieren. In solchen Situationen hat man keine Angst. Und falls ich im Knast landen sollte, so würde ich die Wächter malen.

Nun war ich auf der Suche nach einem Bordell und landete in einer der frivolsten und verräuchersten Kneipen der Stadt. Viele ernstzunehmende Literaten lasen zu Ost-Zeiten hier im einstigen Neuen Antiquariat. Das beliebte Büchereck mutierte zum Weinladen mit Kultcharakter. Dort verkuppelte mich der sehr belesene, trunklüsterne Wirt mit einem Herren, der als Eulenspiegel verkleidet beliebte Stadtführungen machte. Ihm hatte der Arzt Krebs diagnostiziert und er beschloß, den Rest seines Seins bei den Damen zu verbringen. Er kannte die fünf Bordelle der kleinen Stadt sehr genau.

Wir verabredeten uns und er stellte mich in der Folgenacht allen Huren der Stadt vor. Meine Damen, das ist er, der neue Portraitmaler dieser Stadt, hörte ich ihn mit tiefer Stimme sagen. Er wird euch alle malen! In diesem Moment wäre ich gern im Boden versunken. Mein Gott, ich kam aus dem Pfarrhaus, hatte gefühlt 200 Lichtjahre keine so leicht bekleideten Schönheiten gesehen. Da stand ich nun Schamviolett angelaufen und verfluchte meinen Traum.

Im letzten Bordell, dem edelsten der Stadt, traf ich auf junge Frauen, bei denen ich das Gefühl hatte, daß sie mich verstehen könnten. Hah! Vermute ich richtig, kein Sex, nur malen? Nun begann der Wettbewerb. Wer macht den Maler platt. Die Zuhälter hatten anfänglich keinerlei Verständnis für mein Projekt. Maler, mach die Mädels hier nicht verrückt mit deiner bekloppten Malerei, die sollen arbeiten.

Zum Monatsende, wenn Hamburger Bankern und Wismarer Werftarbeitern das Taschengeld ausging, langweilten sich die Damen. Irgendwie fehlten ihnen, zumindest finanziell, doch die Freier. Für mich war es gut. Wir hatten viel Zeit, auch zum Austausch von Lebensgeschichten. Wie bitte, Maler, Du hast Dich nach Jahren wieder verliebt? In eine von uns? Nein, es ist eine von da draußen. Sie ist Bauingenieurin. Naja, denn bring sie doch mal mit. Und tatsächlich sagte die Puffmutter, die auch neugierig war, zu. Aber wenn Freier kommen ist sie weg. Kein Problem. So saßen wir bei Speck und Wodka einige Nächte mit den Mädels hinter der Stripteasebühne und feierten ausgiebig das Leben.

In diese Halbwelt einzutauchen war nicht nur schräg, voller frivoler Geschichten und absurd, sondern echt spannend und interessant. Ein grandioses Spiegelbild unserer Gesellschaft, unterhaltsam und erschütternd zugleich.

Am Nachmittag meines 40. Geburtstags, die Nachbarn staunten nicht schlecht, fuhr ein goldfarbener Mercedes vor. Sechs Huren und die Puffmutter stiegen aus. Die Mädels leicht bekleidet, bewaffnet mit Blumen, Sekt und Torten. Das rauschende Fest war kurz vor 20 Uhr beendet. Die Damen mußten noch zur Arbeit.

Jetzt kannten sie die Armut, in der ich lebte. Von nun an bekam ich großartige Geschenke. Gebrauchte Teller, Besteck, Getränkegläser jeglicher Art. Eine schenkte mir tatsächlich ein Kopfkissen, als sie im kleinen Atelier Modell stand. Oft wartete ich viele Stunden auf die Frauen. Zeitlich war auf sie kein Verlass.

Boah! Dieses ewige Warten! So erdachte ich mir folgende Regel. Für jede Stunde zu spät kommen, bekomme ich am Abend an der Bar ein Freibier. Das klappte ganz gut und wurde zu meiner Hauptnahrungsquelle.

Nach der Wende wurde extrem viel gebaut. Baustelle an Baustelle. So bot es sich an, auf dem nächtlichen Heimweg täglich eine leere Holzpalette als willkommenes Heizmaterial für den Kachelofen im kleinen Atelier zu entsorgen.
Wintereinruch. Geld für Kohlen hatte ich nicht. Freunde aus Neukloster, die früher meine Disco besuchten, hörten von meiner unterkühlten Situation und luden unaufgefordert einen Anhänger voll Holz vor meiner Haustür ab. Das war die Rettung im Winter 1996/97.

Zu den Mädels entstanden echte Freundschaften. Eine aus Sibirien stammende sagte beim Anblick meiner Portraits, daß ich ihnen Würde gäbe, die sie im Alltag nicht erlebten.

Meiner Bauingenieurin gefielen die gemalten Portraits. Willst Du die nicht endlich mal ausstellen? Ich bin noch nicht gut genug. Wie lange brauchst Du denn? Bitte gib mir noch fünf Jahre. Tatsächlich hielt sie mir fünf Jahre lang finanziell den Rücken frei. Ja, er hat das Geld später zurückgezahlt.

Zu meiner ersten Ausstellung im Baumhaus am Alten Wismarer Hafen kamen zur Eröffnung im Mai 2001 mehr als 350 Besucher. Natürlich hatte ich auch die Puffmutter eingeladen. Aus der Ferne dachte sie beim Anblick der Massen zunächst, daß es eine Demo gegen die Hurenbilder, also gegen ihren Laden sei.
Aber Nein! Die Party ging bis in den erwachenden Morgen. Heute erzählt man sich im Wismarer Kulturamt: Damit rechnete keiner. Wir hatten Angst, daß das trinkfreudige Publikum ins Hafenbecken fällt.

Ein Jahr lang ging ich täglich ins Bordell. Danach war ich hin. Die Abgründe der Männer und die Geschichten der Mädchen verursachten in mir immer öfter apokalyptische Alpträume. So zog ich mich allmählich zurück.

Sechs lebensgroße Portraits künden von dieser unfassbar spannenden Zeit mit interessanten starken Frauen, die ich sehr schätzen lernte.

Jahre später, als meine Frau, ja die Ingenieurin, und ich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Herbertstraße in Hamburg wohnten, traf ich eine der jungen Damen in der Burlesque-Bar gegenüber erstmals wieder.

Hast Du unsere Portraits noch? Ja, natürlich. Ich hätte sie mehrfach verkaufen können, aber irgendwie konnte ich mich nie dazu durchringen. Also hast du mit uns kein Geld verdient? Nein!
Aber ich habe von Euch gelernt, viel gelernt, für und über das Leben. Das mein ich wirklich so.

❯ Diese Bildgeschichte als Hörstück


Manfred W. Jürgens · Wismar 08.05.2020




Bildnis Christian Redl

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 185 x 193 cm, 2020


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Es ist schon seltsam wie lange es gelegentlich dauert, bis Erlebtes bzw. eine Idee zum Bildnis wird. Seit vielen Jahren höre ich beim Malen seine Musik, verfolge sein Spiel auf der Bühne im Theater und im Film, bin immer wieder fasziniert.

Nachdem 2005 am Hamburger St. Pauli Theater die Dreigroschenoper abgespielt war, saßen wir mit Schauspielern im Freudenhaus. Dort im Restaurant lernte ich Christian Redl kennen. Welch ein Typ! Wir unterhielten uns lang und intensiv übers Leben und die Frauen, Scheitern und Abgründe, Marodes und Musisches in uns, Jugend und François Villon. Christian versprach mir, sich portraitieren zu lassen. Schwerer Rotwein floss in Strömen.

Hamburg: Wenige Wochen später traf ich ihn zu meiner Freude völlig überraschend auf St. Georg. Oh wie schön, Christian, dann können wir uns ja über das Portrait unterhalten. Seine Antwort mit tiefer Stimme: Ich wüßte nicht, dass wir uns kennen! Monate später beim Griechen Vasili in der Davidstraße wieder absolut interessante Gedanken und die erneute Zusage. Einige Tage danach bei einem zufälligen Treffen auf der Straße: Ich weiss nicht, wovon Sie sprechen! Ich war so satt von diesen Schauspielern.

Die Jahre verwehten. 2016, nach einer Ausstellungseröffnung meiner Freundin Katharina, feierten wir bis in den hellen Morgen ihren Geburtstag auf Schloss Clemenswerth im Emsland. Sie stellte mir eine bezaubernde, rettende Braut vor. Sie sei seit wenigen Jahren die Frau von Christian Redl. Ich lehnte mich leise zurück, winkte schmunzelnd ab und erzählte dann doch meine Redl-Geschichte. Sie: Wenn er wüsste! Er mag Deine Malerei, hat sogar Postkarten von Dir.

Tage später kam meine Frau ins Atelier und spielte mir eine Audio-Nachricht auf ihrem Handy vor: 'Also, ich bin der Redl. Es ist mir seltsam peinlich. Sollte noch Interesse bestehen, so stände ich gern zur Verfügung'.

Es dauerte nicht lang und er erschien mir nachts im Traum. War es ein Gehstock? Nein, er stand mit Hut und Regenschirm am Meer. Eine schwarze Glasscherbe war gerade dicht neben ihm vom Himmel gefallen. Darin spiegelten sich seine Abgründe. Da ich von ihm wusste, dass er einst knapp am schweren Alkoholismus vorbeigeschrammt war, sah ich wie der Teufel lustvoll an ihm entlang schlenderte und schadenfroh seine Spuren im Sand hinterließ. Ein Pferdefuß, ein Menschenfuß …

Am Vorabend der Fotoskizzen zum Portrait gehen meine Frau und ich gern mit den zu Portraitierenden essen. Christian erzählte von seinem Lieblingsbild 'Der Mönch am Meer' vom Greifswalder Kollegen Caspar David Friedrich. Ja, das passt zur Rolle des einsamen Wolfes. Am Folgetag entstanden am Elbstrand in Hamburg-Rissen die Fotoskizzen.

Im Traum wurde die Elbe zu einem wogenden Meer. Beim Entwerfen des Bildes erschien mir Murnaus Nosferatu in der Spiegelscherbe. Max Schreck, Du kennst meine Stadt, ich werde Dich malen! Ein Großteil des Filmes wurde 1921 in Wisborg, also in Wismar gedreht. Das paßt!

Auf Venedigs Giudecca sah Ulrich Tukur meinen ersten Entwurf auf dem iPad und bemängelte sofort die Schuhe im Bild. 'Du willst ihn doch nicht ernsthaft in diesen Gesundheitsschuhen malen'. Wenige Gläser Rotwein später: 'Mmm, naja, denn, äh, zieh ihm die Schuhe aus und mal ihn barfüßig!' Freudige Zustimmung meinerseits: 'Genau, prima, das ist verletzlicher, feinfühliger. Das gefällt mir! Christian muss noch mal modeln, zumindest seine Füße.'

Mit lebensgrossen Bildern kann Mann schon mal neun Monate lang herumbrüten. Mein Neugeborener ist am Tag seiner Geburt bereits 72 Jahre alt. Auf ein langes Leben! Es freut mich, dass es nun, nach 15 Jahren, doch noch zu diesem Bildnis kam.

Sobald Corona eingetrocknet ist gibt es mit dieser Bildtafel die zweite Hamburger Ein-Bild-Ausstellung. Meine erste an der Elbe war die mit dem ❯ Bildnis von Erna ThomsenRealistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar in ihrer Kiezkneipe namens Silbersack auf St. Pauli. Aber das ist eine andere Geschichte.

❯ DetailRealistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar

❯ Zur Bildentstehung

❯ Diese Bildgeschichte als Hörstück

© MWJ, Wismar, 24.04.2020




Stillleben mit Wassermelone

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 90 x 88 cm, 2018/19


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'Guck mal, ich hab Dir vom Türken aus der Mecklenburger Straße etwas mitgebracht! Ein echtes Schwergewicht.' Meine Frau kam vom Einkauf ins Atelier. 'Ist das etwas für ein Stillleben?'

Nun ja, ich müsste sie zerschneiden, inszenieren und die vielen Stillleben mit Melonen aus der Geschichte der Malerei vergessen. Das Bild sollte im Heute spielen.

Also baute ich mir im Atelier eine kleine Bühne auf, wartete auf das Abendlicht und zerschnitt die leicht längliche Wassermelone.

Irgendwie sah das brutal aus.

Das Aufschneiden einer Wassermelone erweckt seltsame Assoziationen. Das Fruchtfleisch vermittelt etwas Organisches. Eine Melone als Metapher für eine brutale Verletzung in Szene zu setzen, reizte mich.

Bitte nichts Süßliches. Obwohl ich die durstlöschende Süße dieser Melonen sehr schätze. Das in ihr verborgene Vitamin A ist gut für die Augen. Das gefällt mir als Maler.

Es soll auch für schöne Haut sorgen. Ich befürchte, diese Melone kommt bei mir zu spät.

Möge ihr Antioxidans mich vor Krebs schützen, damit ich noch ein paar Jahrzehnte munter weiter malen kann.

Ähnliches erträumte ich mir bereits mit 16 Jahren als Vollmatrosenlehrling beim ❯ Landgang in Santiago de CubaManfred W. Juergens, Vollmatrosenlehrling, Vollmatrosen Lehrling, Santiago de Cuba, MS Georg Büchner, Rolf Hilbert Wismar.


Beim Malen der Wassermelone begleitete mich das Hörbuch: 'Wut ist ein Geschenk' von Arun Manilal Gandhi.

© MWJ, Wismar, 10.06.2019




Bildnis Götz Barner

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 130 x 95 cm, 2014/19


Götz Barner, Schmuckdesign, St. Pauli Hamburg, Realistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar Götz Barner, Schmuckdesign, St. Pauli Hamburg, Realistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar

Domenica Niehoff, Deutschlands prominenteste Prostituierte, war im Alter von 63 Jahren gestorben. Dies war am 12.02.2009 auch der ARD eine Tagesschaumeldung wert.

Von meinem Hamburger Atelierfenster aus sah ich wenige Tage später einem ❯ TrauerzugDomenica Niehoff, Trauerzug, Herbertstrasse nach. Er bog zu ihrem Gedenken in die Herbertstraße ab, in der sie einst gewerblich tätig war.

Der Fotograf Günter Zint, von dem es beeindruckende Domenica-Fotografien gibt, trug ein gemaltes Bildnis von ihr voran. Viele Bekannte reihten sich ein. In der Prozession fiel mir ein ganz in Weiß gekleideter Herr auf. Nie zuvor hatte ich ihn gesehen. Am Folgetag erschien von ihm im Hamburger Abendblatt ein Foto zum Thema Trauerzug. 'Der gefällt Dir, oder!', schmunzelte meine Frau.

Es dauerte Jahre bis ich ihn wiedersah.

Sommer 2014. Unverkennbar, dort sitzt er, der Dandy in Weiß. Welch ein Paradiesvogel. Wie wir frühstückte auch er zu später Mittagsstunde vor dem Kiezcafé Liebling auf St. Pauli. Ihn anzusprechen traute ich mich nicht, beobachtete ihn jedoch sehr lange. Am Abend entdeckte ich in der NDR-Mediathek einen Film über ihn. Danach fand ich seine Telefonnummer im Netz, rief ihn an und wir verabredeten uns, um im Cuneo bei Franca, die ich kurz zuvor portraitiert hatte, essen zu gehen. Es war ein interessanter Abend. Ihm erzählte ich, daß Malerei eine großartige Ausrede sei, um interessanten oder seltsamen Menschen zu begegnen. 'Falsch!' entgegnete er. 'Sie ist Anlaß!' Das gefiel mir.

Am Folgetag, als ich meine Fotoskizzen machen wollte, regnete es in Hamburg. Also gingen wir mit unserem Fotoequipment zu Heidi, unserer Lieblingsfriseurin an der Alten Rinderschlachthalle, und bauten dort im Salon die Scheinwerfer auf. Heidi fand das recht amüsant und Götz hatte viel Geduld mit mir.

Manchmal brütet man als Maler recht lange über einem Bildnis. In diesem Fall waren es mehr als zehn Jahre von der Idee bis zur Fertigstellung. Sollte sich jemand die Frage stellen, was Götz beruflich macht - Götz Barner ist Schmuckdesigner auf St. Pauli.

❯ Detail Götz Barner, Schmuckdesign

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In den letzten Tagen der Fertigstellung hörte ich im Atelier Musik vom Grammophon. Der folgende Song war auch dabei. Atelier-Grammophon

Decca Records / Cahn, Chaplin · 1938

Joseph! Joseph! · Ambrose and his Orchestra · Gesang Evelyn Dall

Aufnahme vom Atelier-Grammophon © Ambrose and his Orchestra

© MWJ, Wismar, 25.06.2019




Stillleben mit Löwenzahn I

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 48 x 53 cm, 2018/19


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Seit zwei Jahren haben wir einen Garten. Für mich war er anfänglich eine echte Bedrohung. Eine Art Unwesen ums Anwesen. Heute ist er Genuss. Niemals hätte ich gedacht, dass dieses pflegebedürftige Fleckchen Erde Einfluss auf meine Malerei nehmen würde.

Löwenzahn hat etwas Faszinierendes. Erblühen und Vergehen stehen unmittelbar nebeneinander. Sein Verblühen verweist hoffnungsvoll auf den nächsten Frühling. Die schwebenden, erstaunlich weite Strecken zurücklegenden Fallschirme seiner Pusteblumen luden mich als Kind zum Träumen ein.

Aber Löwenzahn ist auch hartnäckig - er hat keine Angst vor Asphalt oder Beton. In meiner Kindheit zeichnete ich ihn oft.

Auch die Bienen lieben diese seltsame Pflanze. Und was der Löwenzahn alles so kann: Der Saft der Stengel eignet sich zum Entfernen von Warzen und lindert auch den Schmerz nach Insektenstichen. Seine Wurzeln sind als Tee voll lecker.

Für die einen ist es Unkraut und das muss weg. Chemische Keule oder tiefe Wurzeln ausbuddeln, das ist die Frage. Es gibt andere, die denken bei Löwenzahn an ❯ das grosse Rasenstück Albrecht Dürer, Das grosse Rasenstück von Albrecht Dürer. Und ich denke bei Löwenzahn an leckeren Salat. In seinen Blättern verstecken sich Vitamin C und Provitamin A..

Nicht zu vergessen: Auf seinen Stengeln kann man Musik machen. Nun ja, es ist mehr ein Tröten.

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Beim Malen hörte ich Wolfgang Borcherts Erzählung: Die Hundeblume.

© MWJ, Wismar, 10.05.2019




Bildnis Franca Cuneo

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 105 x 77 cm, 2013/14


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Im Glauben, etwas zu verpassen, zogen meine Frau und ich 2007 für sechs Jahre von Wismar nach Hamburg. Nun wohnten wir auf St. Pauli, 37 Meter von der Herbertstraße entfernt. Mitten im Epizentrum deutscher Prostitution, in einer Loftwohnung über dem Hotel Hanseport Ecke Erichstraße.

Trotz des exorbitanten Trubels lebt es sich dort wie in einem Dorf. Am Tag hat der St. Paulianer viel Zeit. Die Geschäfte beginnen bei den meisten am Abend und enden nach exzentrischer Nacht im ermüdenden Morgen. Junggesellenabschiede verwässern den Partyrummel. Der soziale Zusammenhalt ist unter den Einheimischen noch groß. Mental ist man kompatibel. Wer hier wohnt, lebt oder auch arbeitet, gehört dazu, ist Teil eines sich schnell verschleißenden Getriebes. Die Dichte der Abgestürzten ist zunehmend. Selten hatte ich Gelegenheit, so tief in unsere menschlichen Abgründe zu sehen. Leicht findet man Zugang zu Bewohnern und Gästen. Fühlt sich so ein erfülltes, buntes Malerleben an? Gelegentlich habe ich dieses Gefühl. So war es auch, als ich die 87-jährige Kiezwirtin ❯ Erna Thomsen Realistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar in Hamburg porträtierte.

Meine Frau macht beruflich Hafenplanung, sie ist Wasserbauerin. Das passt zum Ort. Wir arbeiten gern und oft bis in die Nacht. Hast Du schon etwas gegessen? Nein. Es ist bereits 24 Uhr! Lass uns ins Cuneo gehen, außerdem ist mir nach Rotwein. Wir gehen zwei Straßen weiter zu Franca.

Francas Cuneo liegt um die Ecke. 1905 begann ihr Großvater Francesco Antonio Cuneo hier das erste Speiselokal mit italienischer Küche in Deutschland zu etablieren. Zu dieser Zeit gab es in Hamburg Schilder an Häusern mit der Aufschrift 'Hunde und Italiener draußen bleiben!' In den ersten Jahren war das Lokal Destillation und Weinhandlung, durchlebte schwere und großartige Zeiten. Es blieb immer in Familienbesitz. Franca führt es heute in vierter Generation.
Die quirlige Stimmung im Ristorante erweckt nie erlöschende Neugierde in unseren Augen.

Oft sitzen wir hier spät nach der Arbeit, nachts nach Theaterbesuchen, treffen Freunde. Gern sind wir bei Franca zu Gast. Sie gibt uns das verzaubernde Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören. Den Gästen schaut sie in die Augen und verliert dabei nicht das Gespür einer Regisseurin. Eine, die intuitiv an den richtigen Fäden zieht, um ihre Theaterbühne spannungsvoll mit Liebe zu bespielen. Den Spirit von einst hält sie ohne sich zu verbiegen aufrecht. Zu Arbeitsbeginn hört sie Paolo Contes 'Genova per noi'. Die Lyrik rührt mich oft zu Tränen und ich denke, er hat dieses Stück nur für sie geschrieben. Natürlich tat er das nicht, aber es passt 1:1 zu ihr und zu diesem Ort. ❯ Hier ist der Text in der deutschen Übersetzung sowie im italienischen Original zu lesen.

Von Franca war ich sofort begeistert. Ich liebe starke Frauen. Und so wurde bei schmackhafter Pasta mit Spinat und Rotwein der Wunsch, sie zu porträtieren, geboren.
Eine schüchterne Frage meinerseits. Franca sagte zu. So entstand ein intensives Bildnis, ein sinnlich leises.

Danke Franca!

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❯ Zu Franca nach Hamburg ins Cuneo | Bitte grüßen Sie sie von mir bei Ihrem Besuch im Cuneo!

© MWJ, Wismar, 17.01.2019



Der Bremer Hahn

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 158 x 106 cm, 2016/18


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Im Jahr 2013 zog ich für vier Jahre von Hamburg nach Bremen. Auch mir fiel damals sofort das Märchen mit den Bremer Stadtmusikanten ein. Ihr lebensbejahender Spruch 'Etwas besseres als den Tod findest du überall!' ist großartig.

Allerdings kamen Esel, Hund, Katze und Hahn nie bis Bremen. Die steinalte A Cappella Band annektierte ein Räuberhaus im Wald weit vor den Toren der Stadt. Seitdem leben sie mietfrei im Speckgürtel, musizieren erfolgreich auf Bremer Bühnen, benutzen Bremen im Bandnamen und bezahlen keine Steuern im Stadtstaat. Das hanseatische Bremen schmückt sich trotzdem gern mit diesem Märchen und den vier Steuerflüchtlingen aus der Hausbesetzerszene.

Die einst umstrittene Bronzeplastik der Stadtmusikanten von Gerhard Marcks aus dem Jahr 1953 steht stolz in Wahrzeichen-Konkurrenz zum Roland vor dem Bremer Rathaus. Jeder Asiate hat sie mindestens einmal aufgeregt berührt.

Bremen ist das kleinste deutsche Bundesland und bereits seit vielen Jahren hoch verschuldet.
Zu diesem Thema wollte ich gern etwas malen. Aber wie? Ein Pleitegeier vor dem Rathaus wäre trivial. Zu Geld habe ich nachweislich ein gestörtes Verhältnis, gehört also auch nicht ins Bild, und bloß keine Regional- oder Tagespolitik, so waren meine Gedanken.

Aber es gibt die Redensart 'Federn lassen'. Diese umschreibt den Zustand des Schaden Erleidens, des Geschädigt Werdens, meint, dass jemand Nachteile hinnehmen muss. Zu diesem Sinnbild suchte ich etwas für mein Bild zum Thema 'Verschuldung der Stadt Bremen'. Der Zufall wollte es, dass ich auf eine Zeichnung des großartigen englischen Tiermalers George Stubbs stieß. Eine sehr seltsame Zeichnung, 40,6 x 56,5 cm groß, erstellt im Spätbarock. Als hätte Stubbs sie speziell für mein Thema gezeichnet. ❯ Hier ist sie zu sehen.

Da war er plötzlich, der Hahn der Bremer Stadtmusikanten, der wegen der immensen Verschuldung der Stadt symbolisch Federn lassen musste. Er eilt, fast schwebend, auf steinigem Weg. Seiner Haltung sieht man die innere Verfassung nicht an. Er wurde nicht fett vor Frust, blieb sportlich und athletisch. Stolz und verschuldet. Ein nackter Hanseat ohne Federkleid.

Mein Dank gilt meinem Kollegen George Stubbs, der die Vorzeichnung zu meiner Bildtafel bereits um 1800 fertigte. Respekt. Ohne diese hätte es meine Verschuldungsgeschichte in dieser Form nie gegeben. Im Hintergrund türmen sich die Stadtmusikanten ohne Hahn vor dem Rathaus. ❯ Zur Bildentstehung

© MWJ, Wismar, 10.08.2018

Brüder Grimm · 1819

Die Bremer Stadtmusikanten

Sprecher: Johannes Ackner © www.vorleser.net




Familienbildnis

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 185 x 193 cm


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Im Dezember 2014 besuchten wir Venedigs Giudecca, die ehemalige Arbeiterinsel gegenüber vom Markusplatz. Hier findet man noch Reste venezianischer Normalität und unverstörten Alltags. Die Städtische Galerie Tre Oci präsentiert gelegentlich großartige Fotoausstellungen.

Dort stand er im Regal, der Fotoband 'NeoRealismo - la nuova immagine in Italia 1932-1960'. Eine umwerfende Zeit für die Schwarzweißfotografie. Auf dem Titel des Bandes ein Foto von Tranquillo Casiraghi - Gente della Torretta. ❯ Zur Fotografie. Tranquillo Casiraghi Gente della Torretta

Nie zuvor hatte ich dieses Foto gesehen. Mir stockte der Atem. Seltsam, ich verstehe es bis heute nicht. Dieses Foto ergriff mich zutiefst und sprach: 'In ähnlicher Komposition wirst Du Katharina und Ulrich malen!' Wir kauften zwei Kataloge. Einen für Katharina, sie ist Fotografin, wohnt nur wenige hundert Meter entfernt am gleichen Fundamente. Ich lmag ihre Fotografien.

Meine Bildidee wurde akzeptiert. In derartigen Momenten bin ich sehr glücklich. Auch meine Frau und Muse stimmte zu. Bis zur Geburt des Bildes werde ich alles aufbringen, was es von mir verlangt. Lust, Liebe, Selbstzweifel, Geduld, Lebendigkeit, Verlorenheit, Hoffnung und Zuversicht.

Katharinas Mann ist Schauspieler, Musiker und Autor. Es sollte schwierig sein, einen gemeinsamen Termin fürs Modellsitzen zu finden. Sechs Monate später trafen wir uns in einem Hamburger Hotel. Da war nur ein Problem. Die von den beiden ausgewählte Kleidung war nicht vor Ort. Während ihres Zwischenstopps in Brüssel wurde der Flughafen durch einen Bombenalarm außer Betrieb gesetzt und die Koffer waren noch in Belgien. Also suchten wir neuen Termin – ein entspanntes Treffen im Frühjahr in Venedig. Katharina entdeckte zwischenzeitlich auf der Insel eine geeignete Wand für den Hintergrund der Tafel. Ich liebe es, wenn die zu Porträtierenden mitspielen. Dann wird das Bild zur gemeinsamen Inszenierung.

Glücklicherweise hatten beide, nach Jahren der Trauer über den Tod ihres Hundes Toto, gerade einen neuen Hund zu sich genommen. Unter dem Pianohocker lag die acht Wochen alte Eurasierhündin Peppina. Sie trug die gleiche Haarfarbe wie ich. Meine innere Stimme sagte mir: Sie gehört ins Bild. Ich male ein Familienbildnis mit drei eigenständigen Persönlichkeiten!

Wir nahmen uns einen Kaffeehausstuhl namens 'Kafka' und schlenderten durch den Sonntagnachmittag über die Giudecca hin zur maroden Wunschwand. Durch Bäume flackerten sonnige Lichtflecken. Reste eines tiefroten Wandanstrichs erweckten den Eindruck von heruntergelaufenem Blut. Anwohner bewunderten die junge Peppina mit den Blicken von Großmüttern, die erstmals ihr Enkelkind sehen.

Nach wenigen Stunden hatte ich die Fotoskizzen, die ich mir für mein lebensgroßes Familienbildnis erträumte. Welch Freude! Am Abend gingen wir essen. Es gab interessante Gespräche voller Leichtigkeit und schweren Rotwein.

Nachts im Traum begegneten mir die Drei in einem Theater dessen Drehbühne rustikal gepflastert war. In den Fugen der Pflasterung strömte Lava. Diese Traumwelt floss ins Bild ein. Sie passt zur Geschwindigkeit in der die Porträtierten leben.

Bedingt durch unseren Umzug von Bremen nach Wismar und die Bauarbeiten am Haus verzögerte sich die Fertigstellung. Nun ist die Tafel vollendet. Im Sommer bekommt sie den Schlussfirnis und wird 2019 erstmals in der Ausstellung 'John und Jürgens · Auf Augenhöhe' in Leer auf Schloss Evenburg in Ostfriesland präsentiert. ❯ Zur Bildentstehung

❯ Katharina John und Peppina in der Atelier-Galerie Jürgens in Wismar Realistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar

© MWJ, Venedig, 20.11.2018




Bosse im Wald

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 85 x 90 cm, 2015/17


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Einst, ich war knapp vier Jahre alt, fand ich beim Spielen im Wald, unter herbstlichem Laub verborgen, einen hellen verwitterten Tierschädel. Diesen trug ich am Abend als frisch geputztes Fundstück stolz nach Hause ins elterliche Wohnzimmer. Mein Vater meinte: Das war eine alte Sau, eine Wildsau.
Ich staunte. Was? Ja, das war einst ein lebendes Wildschwein.

Wildschweine hatte ich schon oft von weitem gesehen. Wir wohnten am Waldrand. Mein Opa hatte mir erzählt, dass Wildschweinmänner große Zähne an den Seiten haben mit denen sie gern Kinder aufpieken. Ich hatte große Angst vor ihnen. Sie erschienen mir immer wütend, auch unzufrieden, konnten verdammt schnell laufen und wühlten vor Neugierde viel umher. In einem Alptraum jagten sie mich noch Jahrzehnte später durch den dunklen Wald.

Aber das hier sollte der Rest von einem Wildschwein sein? Es erfüllte mich mit Trauer. Mehr sollte nicht bleiben wenn Tiere sterben? Oh es sind schon noch ein paar Knochen mehr. Du hast nicht alle gefunden.
Meine leise Frage war: Und wir, wir Menschen, was bleibt von uns? Mmh, so die Antwort, wer weiß das schon so genau.

Es gab Abendbrot und ich verstummte für den Rest des Tages.

Das war meine erste Begegnung mit dem Tod. Viele weitere sollten folgen. Aber an diese erste intensive fühle ich mich oft erinnert und wollte diese Erfahrung eines Tages in einem Bild erzählen. So suchte ich lange nach einem staunenden, knapp vier Jahre alten Jungen. Ich wollte nicht mich malen.

Von einem Spaziergang mit Schwiegermutters Hund brachte meine Frau mir vor einigen Jahren einen vom Hund gefundenen Wildschweinschädel mit. Ein Ameisenhaufen war nicht in der Nähe, also kochte ich den Schädel ab. Es stank fürchterlich.

Den Jungen in meinem Bild traf ich Jahre später.
Es ist der Sohn eines Kollegens meiner Frau. Er saß für dieses Bild im Atelier mit dem Schädel Modell. Ihm erzählte ich meine Geschichte und dass der Schädel noch viele Jahre in einem Regal meines Kinderzimmers zu sehen war. Irgendwie standen ihm die Haare zu Berge und ich sah einen Mix aus Staunen und Erschütterung.

Als Bosse das Bild entstehen sah, meinte er: Du malst mich, aber ich saß doch gar nicht, nie saß ich in so einem Wald mit dickem Baum. Das war doch in deinem Atelier.

Ja, so ist Malerei. Alles ist möglich und irgendwie ist jedes Bild auch ein Selbstbildnis.

❯ Der Aufbau von Imprimitur, Untermalung und Lasuren im Überblick
Realistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar ❯ Bosse im Atelier in Wismar
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❯ Diese Bildgeschichte als Hörstück

© MWJ, Wismar, 28.07.2017



Pietà

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 80 x 200 cm, 2014


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Die Auseinandersetzung mit Kommen und Gehen, Liebe, Verlust, Trauer, Leid und Tod ergreift irgendwann jeden Menschen. Gewollt oder ungewollt. Sie ist Bestandteil unseres Seins und trägt sicher unsere unumgängliche irdische Vergänglichkeit als Ursache in sich. Dass sich Gläubige diesem Thema spirituell annehmen, ist nachvollziehbar. Seit es den Menschen gibt, setzt er diese Prozesse, Werte und Inhalte gestalterisch um. Otto Dix erkennt 'Die alten Themen sind die Besten'.

Je unruhiger sich mein Umfeld gestaltet, je hektischer die Gesellschaft sich formt und wandelt, die Demokratie in ihre Krise gerät, desto grösser wird meine Sehnsucht nach Ruhe und Andacht. 2013 sah ich in Porto das Bild ❯ Mártir Cristão von Joaquim Vitorino Ribeiro aus dem Jahr 1879.

Wir, die Besucher des Museums, standen leise und andachtsvoll vor der Bildtafel. Sie berührte. Unfassbare Andacht. Stille. Meine innere Stimme sagte mir später: Das ist die Idee für eine eigene Pietà. Irgendwann male ich ein eigenes Andachtsbild. Gleiches fühlte ich schon oft beim Anblick der Werke von Giovanni Bellini in Venedig.

Als dann Monate später bei einer Sitzung zum Thema ❯ LucretiaRealistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar mein Modell, des Inhalts wegen der Ohnmacht nahe, sich aufs Sofa legte und das getrunkene Wasserglas absenkte, war die Idee geboren. Das Glas ist leer und wird gleich zu Boden fallen. Und da waren die aufstrebenden Linien wie bei Ribeiro. Die Haare flossen dahin wie gelebtes Leben. Das Tattoo schlich sich als Tod in die Wesenheit und entrückte die Figur auf seltsam schwebende Art dem Jetzt.

Die nächsten Monate gehörten dem Thema Pietà. Warum sollte ich das mittelalterliche Thema nicht transformieren mit einem Menschen von Heute? Oft dachte ich, vielleicht ist es die zurückgelassene Maria selbst. Der Gedanke gefiel mir und ich verlieh, trotz der gewählten Kälte des Bildes, dem Inhalt etwas Entschwebendes. Sofa, Stiefel und Kleid sind eine merkwürdige Mischung verschiedener Zeiten und Inhalte. Willkommene Gründe für Irritation.

Reaktionen auf die Tafel gab es bisher nur im Atelier. Auffällig ist die Stille, die das lebensgroße Bild auslöst. Auch bei Menschen die nicht aus unserem Kulturkreis stammen. Meinungen und Äusserungen zur Tafel: Lebt sie noch? · Ich sehe die Schönheit des Seins, den vergehenden Schmerz und die Erlösung. · Woran ist sie gestorben? Am Verlust? · Hat sie sich vergiftet? · Ist ihre Seele noch hier? · Da schwingt auch eine erotische Komponente mit. Seltsame Mischung. · Der Welt entrückte Andacht. · Sehr sanft entschwebend. · Welch eine Ruhe. · Vielleicht auf der Party liegen geblieben?
Es gab auch empörte Newsletter-Abbestellungen aus den Vereinigten Staaten. ❯ Zum Video über die Bildentstehung


© MWJ, 23.07.2014



Fehlende Bodenhaftung

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 100 x 73 cm, 2012/13


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Wie alle Großväter sagte auch meiner mir einst Gelassenheit fürs Alter voraus. Gilt das ebenso für die Politik? Ja, beruhigte er mich als Jugendlicher. Walter Ulbrichts Politik zum Beispiel brachte ihn in meiner Kindheit zur Weißglut. Schon wenige Jahre später schmunzelte er: Diesen alten Ziegenbock kann man doch nicht ernst nehmen.

Trotz aufkommender Gelassenheit stellt sich bei mir keine Gleichgültigkeit gegenüber politischen Tendenzen ein. Sollte ich als Maler politische Entwicklungen reflektieren? Die Antwort in mir lautet immer wieder: Bitte keine Tagespolitik. Such dir Metaphern!

In der venezianischen Accademia sah ich vor zwanzig Jahren erstmals die 'Madonna degli Alberetti' von Giovanni Bellini. ❯ Hier ist sie zu sehen, die Madonna mit dem Jesuskind gemalt 1487. Großes Theater vor einem einfachen Vorhang. Eine fesselnde Inszenierung, eine simple und zugleich geniale Bildidee. Für meine Stilleben entlehne ich diese gelegentlich.

Aus einem mehrwöchigen Venedig-Urlaub zurückgekehrt, sah ich in einem Tonkrug unserer Küche Kartoffeln keimen. Es waren recht lange Keime. Die Kartoffeln hatten ihre letzte Energie in der Hoffnung auf Zukunft geopfert. Leider werden sie in Kürze ohne Erdung vergehen. Ihnen fehlt die Bodenhaftung. Aber zuvor zeigen sie sich in gelber, grüner und purpurner Schönheit. Ein verzweifelter Griff nach Licht dem Tod entgegen. Es bot sich mir eine ebenso fesselnde Inszenierung wie die der Madonna mit dem Kind.

In der Politik geht es zunehmend weniger um Inhalte. Posten und Macht sind das Ziel, oft durchwachsen von gefährlicher Leere. Ein hilfloses Gerangel auf kalter Bühne in Richtung Kamera. Minister sind vielfach zu jung und unerfahren. Ihnen fehlen Geschichte, diplomatische Erfahrung und Gelassenheit. Und sie haben ein Zuviel an Glanz und einstudiertem Dauerlächeln. Ihnen fehlen ebenso wie meinen Kartoffen die Bodenhaftung. Und so vergehen sie recht schnell.

Da war die Metapher. Ein unförmiger roter Ziegelstein auf grünem Marmor wird zur Bühne für die letzte Reise. Bald kommen Asseln und Spinnen. Tod und Teufel wirken bereits im Hintergrund. Die Schönheit trügt. Es ist ein kurzes trauriges Aufbäumen, bevor der Vorhang fällt und der Grashüpfer weiter zieht. Wohl denen, die Erfahrung und Geschichte in sich tragen, denen die Bodenhaftung für die Zukunft gegeben ist. Diesen Menschen und Kartoffeln wünsche ich ein langes, erfülltes Leben voll farbenfroher Blüte und Schönheit.
❯ Zur Bildentstehung


© MWJ, Bremen, 23.07.2014




Helmut Schmidt im 95. Lebensjahr

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 134 x 87 cm, 2012/13


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Als Jugendlicher hätte ich 1983 gegen seine Politik demonstriert. Aber ich wuchs in der DDR auf und konnte nicht in Bonn gegen den NATO-Doppelbeschluss aufmucken.

Mit 25 Jahren zog man mich gegen meinen Willen zum Wehrdienst ein. Ich landete bei der Transportpolizei. Als Helmut Schmidt 1981 mit dem Zug über die innerdeutsche Grenze nach Güstrow zu Erich Honecker fuhr, lag ich, wie unzählige andere, als Wachtmeister zu dessen Sicherung an der Bahnstrecke bei Bad Kleinen. Nie hätte ich gedacht, daß ich den rauchenden Kerl dort oben am Fenster des Speisewagens einmal malen würde.

Mein Hamburger Malerfreund Karmers lud mich 2005 zu dessen Ausstellungseröffnung ins Verlagshaus der ZEIT ein. Dort begegnete ich auf einem schmalen Flur Helmut Schmidt und dachte: ‘Seltsam, welch eine charismatische Gestalt‘.

Über die Jahre las ich seine Bücher. Beim Malen hörte ich seine Mozart und Bach-Interpretationen. Pianokonzerte mit dem London Philharmonic Orchestra und den Hamburger Philharmonikern. Diese spielte er zu seinen Bundeskanzlerzeiten ein.

2012, der Zufall wollte es, dass der ZEIT-Redakteur Urs Willmann mit seinem Schweizer Charme mir einen Termin bei Helmut Schmidt vermittelte.

Ich wurde gewarnt. Man mußte ihm gewachsen sein, seine langen Pausen, sein Schweigen nicht nur ertragen, sondern umgehend für neue Ideen nutzen. Speichellecker und Schleimer waren ihm zuwider. Er liebte den Widerspruch im Gespräch, war auch im hohen Alter hellwach und neugierig. Ich erinnere mich sehr gern an diesen musischen Menschen. Zudem war er ein großartiger Witzbold voller Humor.

Bevor er mir Modell saß, hatte er seine steinalte Zigarrenkiste, in der mehrere Schachteln Zigaretten lose Platz fanden, von seinem Schreibtisch geräumt. Schmidt mit Zigarette war auch nicht mein Thema. Ich wollte meinen Piloten in seinem Cockpit namens Wissen.

Mehr als ein Jahr nach Erstellung der Bildskizzen präsentierte ich ihm die fertige Bildtafel in seinem ZEIT-Büro. Seine mich verabschiedenden Worte waren: 'Malen Sie, malen sie Herr Jürgens!‘.

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© MWJ, Hamburg, 06.02.2013

Johann Sebastian Bach · BWV 1061: II. Adagio ovvero Largo

Klavier Helmut Schmidt · Christoph Eschenbach, Justus Frantz und die Hamburger Philharmoniker

Mit freundlicher Genehmigung © Deutsche Grammophon






Bildnis Ruth Rupp

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 102 x 100 cm, 2011


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Ruth Rupp sah ich 2004 erstmals auf der Bühne des St. Pauli Theaters in der Dreigroschenoper mit Ulrich Tukur als Mackie Messer. Sie sang, nach einer Idee von ❯ Katharina JohnRealistische Malerei, Figurative Sachlichkeit, Zeitgenössische Bildende Kunst, Neuer Realismus Kunst heute, Maler, Künstler Porträtkunst, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Stillleben, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar, in der Rolle einer Alt-Hure die Schlussszene und erntete somit allein auf der Bühne stehend den gefährlichen Schlussapplaus des Stückes. Die Hälfte des Publikums heulte vor Rührung. Ich auch. Und ich schwor mir, wenn mir diese kleine Dame eines Tages über den Weg läuft, so werde ich sie ansprechen.

Sechs Jahre später, im Hamburger St. Pauli Theater, hörte ich im Gehen eine lachende erwachsene Frauenstimme rufen: Verdammt, nun kippt mir wieder einer dieser Typen Rotwein in mein Dekolleté nur weil ich so klein bin. Mein Glas stoppte nur wenige Millimeter schräg vor ihr. Ich sah auf eine 144 cm große Frau. Wir saßen noch lange plaudernd im leeren Theater. Andere feierten an der Bar die Eröffnung der neuen Spielsaison, wir verabredeten uns. Ruths Worte: Wenn Du schon sechs Jahre hinter mir her bist, dann müssen wir das jetzt aber auch mal machen, das mit diesem Portrait.

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Nach einer Woche saß sie erstmals bei mir im Blankeneser Atelier. Ruth ist nun 85 Jahre alt. Nachdem sie acht Jahre lang ihre kranke Mutter gepflegt hatte, entdeckte sie mit siebenundsiebzig Jahren das Schauspiel. Zunächst die Bühne und gelegentlich auch Film.

Zum Ende des zweiten Weltkrieges stand sie als Mädchen in Hamburg an der Flak. Unvorstellbar. Nach dem Krieg studierte sie Musik und Gesang. Später war sie Kindermädchen für Landkarten-Falk in Blankenese. Dessen Tochter Karin fand sie, nach 49 Jahren, durch mein gemaltes Portrait über Google wieder. Das ist doch Ruth, mein Kindermädchen von einst. Ein Telefonat: Kann es sein? Ja! Nun besuchen sie sich von Zeit zu Zeit und sind zum zweiten Mal befreundet.

Somit ist Malerei wohl doch nicht ganz so sinnlos.

© MWJ, Hamburg, 04.01.2011

❯ Buch-Tipp: Die Ruth Rupp Biografie von Sven Rohde

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❯ Diese Bildgeschichte als Hörstück

Ruth Rupp singt Franz Schubert

Franz Schubert · 1797-1828

Der Wanderer an den Mond · Arrangement Roman Lemberg

Aus dem Film 'Der Wanderer' von Jakob Klaffs 2008 · Gesang: Ruth Rupp · Wanderer Ensemble: Jutta Spiegelberg, Lina Liu, Aviva Piniane, Karin Enzler · Klavier und Celesta: Roman Lemberg

Mit freundlicher Genehmigung © Jakob Klaffs



Ruth Rupp, 90

© Stern Nr. 39 vom 22.9.2016 | Protokoll Sven Rohde


Mein Alter merke ich erst seitdem ich 85 bin. Da brauchte ich einen Herzschrittmacher. Gearbeitert habe ich als Sängerin, später als Kindermädchen, dann als Hauswirtschaftsleiterin in einem Krankenhaus. Als ich über 70 war, begann meine Karriere als Schauspielerin. Ulrich Tukur hatte mich überredet bei der 'Dreigroschenoper' mitzuspielen.

Altersvorsorge - mit 30 oder 40 war mir das Thema egal. Und dann haben sich glückliche Umstände gefügt. Gesetzliche Rente, dann eine Betriebsrente, die Leibrente aus dem Verkauf des Hauses.

Den Ruhestand zu planen finde ich albern und nutzlos. Es kommt sowieso anders.

Das Motto meines Lebens: Ich freue mich, dass ich leben darf - auch wenn es immer wieder schwer war. Mit Krieg, Vertreibung, dem plötzlichen Tod meines Partners. Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich gesagt: Das überstehe ich nicht. Aber dann konnte ich es eben doch. Daraus schöpfe ich immer wieder neue Kraft.

Geld ist mir unwichtig.

Mein Rat für Jüngere: Das Leben ist so bunt und so reich, sucht es nicht auf euren Smartphones.






Vom Glück des Nichtstuns · Der trendresistente Maler Manfred W. Jürgens


Ulrich Schnabel


Galerie der Müssiggänger/innen · Querdenker, Pausenkünstler und Abwesenheitsexperten | Blessing Verlag · Kurzer Auszug aus dem Buch musse


Ein-Bild-Ausstellungen, 1 Bild Ausstellungen, Ein-Bild-Ausstellung, Manfred W. Jürgens

Das Gedränge ist gross vor der Kneipe Zum Silbersack auf St. Pauli. Um die Ecke stehen die ersten Huren, wenige Meter weiter ist die Reeperbahn, überall lärmende Nachtschwärmer, angetrunkene Jugendliche und verschämt schauende Touristen. Doch im Silbersack drängen sich die Menschen heute Abend nicht wegen der Mädchen, der Musik oder des Bieres, sondern weil Manfred W. Jürgens zur 1. Hamburger Ein-Bild-Ausstellung geladen hat.

Ganz hinten in der Ecke sitzt der Maler mit den roten Locken, schreibt seit Stunden Autogramme und strahlt übers ganze Gesicht. 'Unglaublich', ruft er durch das Stimmengewirr, 'so etwas habe ich noch in keiner Galerie erlebt, alle zwei Stunden ein neues Publikum.' Neben Jürgens hängt die Chefin an der Wand, die Wirtin Erna Thomsen, grossformatig in Öl und der echten Erna zum Verwechseln ähnlich. Denn Jürgens malt so akribisch und lebensecht wie weiland Albrecht Dürer oder Hans Holbein. 'Sachlicher Realismus' nennt sich dieser Stil. Im hektischen Kunstbetrieb des 21. Jahrhunderts wirkt er etwas anachronistisch. Doch Jürgens ist das schnurz. 'Kürzlich meinte jemand, ich sei trendresistent', erzählt er lachend und wiederholt geniesserisch das Wort: 'Trendresistent – stimmt genau.'

Denn Jürgens malt nicht nur so detailgetreu wie die alten Meister, er nimmt sich auch ebenso viel Zeit. Mit unendlicher Geduld trägt er Schicht um Schicht der (selbst gemischten) Farben auf. Bis zu zwölf Stunden täglich sitzt er mit Pinsel und Malstock vor der Leinwand, Monate vergehen, bis ein Bild fertig ist. So zu malen sei eigentlich 'eine Frechheit dem Leben gegenüber' sagt Jürgens mit fröhlicher Selbstironie. Doch seine Frau Barbara, eine Bauingenieurin, unterstützt ihn finanziell nach Kräften. Und so darf der Maler nur auf die eigene Stimme hören. 'Ich hoffe, nie in eine Situation zu kommen, um wegen des Marktes meinen Stil ändern zu müssen.' Auch mit seinem Konzept der Ein-Bild-Ausstellung fällt Jürgens aus dem Zeitgeist. Sein Gemälde der Kuh Soraia präsentierte er auf einer Alp in der Schweiz. Zur Enthüllung auf 1900 Metern kamen Kunstfreunde aus aller Welt, Alpbauern und das Modell selbst. Als Jürgens die Kuh mit ihrem lebensgrossen Portrait konfrontierte, trottete diese auf die Leinwand zu und gab ihrem eigenen Abbild einen herzhaften Kuss. Wer bei diesem berührenden Event dabei war, erzählt noch heute davon.

Wie anders wirkt Kunst dagegen in einer Galerie. Kürzlich sei er im Louvre in Paris gewesen, erzählt Jürgens und verzieht das Gesicht. 'Schrecklich! Man steht in der berühmtesten Gemäldesammlung der Welt und die Leute nehmen sich überhaupt keine Zeit. Sie hetzen da durch, lassen sich schnell neben der Mona Lisa fotografieren und schauen sie sich nicht einmal an'. Geradezu deprimierend sei das gewesen. Mit dieser Art von hektischem Kunstgenuss will er nichts zu tun haben.

Bei Jürgens´ Aktionen dagegen wird niemand mit Eindrücken überfrachtet. 'So viele entspannte Gesichter wie heute Abend habe ich noch nie vor einem Gemälde gesehen', sagt Jürgens und zeigt auf die fröhliche Menge im Silbersack. 'Die Leute nehmen sich Zeit zum Schauen, man redet mit einander, niemand ist im Stress, weil er meint, auch noch alle anderen Bilder sehen zu müssen.' Dass die 86-jährige Wirtin Erna Thomsen persönlich anwesend ist und man beim Bier mit dem Hamburger Original ins Gespraech über Kunst und Kneipengeschäft kommen kann, erhöht natuerlich den Charme des Abends. Denn Jürgens hat ein Auge für die unscheinbaren Helden des Alltags, und er malt stets nur Menschen, die ihm persoenlich etwas bedeuten. 'Fieslinge und Selbstüberschätzer' lasse er nicht auf seine Leinwand, sagt er, für die übrigen nimmt er sich jede Menge Zeit.

So geht es nie nur um Kunst bei seinen Ausstellungen, sondern immer auch um Begegnungen. Und weil Jürgens schon alle möglichen Typen gemalt hat – Grufties, Prostituierte, Schauspieler, Journalisten – und diese auch gerne immer wieder seinen Einladungen folgen, trifft man kaum irgendwo auf ein bunteres Publikum. Der Abend im Silbersack jedenfalls wird noch lang und hinterlässt bei vielen Gästen mehr Erinnerungen als so mancher Besuch in der Kunsthalle. Gut möglich, dass der trendresistente Maler damit einen neuen Trend setzt.


Mit freundlicher Genehmigung des Blessing Verlags | www.randomhouse.de




In der Werbung ist die Kuh meist lila


Manfred W. Jürgens


Manfred W. Jürgens, Realistische Malerei, Neue Kunst, Zeitgenössische Sachlichkeit

In der Werbung ist die Kuh meist lila, auf unserem aktuellen Titel beige und braun wie zartschmelzende Vollmilchschokolade, außerdem hat sie eine fesche Locke über der Stirn. Die Kuh heißt Soraia und wurde von dem Maler und Fotografen Manfred W. Jürgens auf der Alp Wispile in der Schweiz porträtiert. Wie es dazu kam, erfahren Sie in der nachfolgenden Geschichte, aufgeschrieben vom Künstler persönlich.

Auf einer Ausstellungseröffnung meines Hamburger Malerfreundes Karmers lernte ich Rotwein trinkend den Schweizer ZEITRedakteur Urs Willmann kennen. Natürlich unterhielten wir uns über Kühe und leckeren Schweizer Hochgebirgskäse. Und da wir beide in unseren früheren Leben zeitweilig Kühe hüteten, der eine in den Bergen und der andere an der See, hatten wir etwas Gemeinsames. So kamen wir auf seinen Surf-Tipp: www.kuhleasing.ch. Bisher verbrachte ich meinen Urlaub an Küsten, Flüssen und in den Kulturmetropolen dieser Welt. Ein Interesse für Berge existierte nicht in mir. Dann aber sah ich nach Willmanns Tipp im Netz die Leasing-Kuh mit dem Namen der Prinzessin. Nur ein Buchstabe war falsch geschrieben. Andere Länder andere Buchstaben.

Selbstbewusst sah das Alpha-Tier von der Website an mir und meiner Frau vorbei. Stattlich war sie und auch alt. Sehr alt. Und mein Gedanke war: 'Pass bloß auf dich auf. Bitte lass dich nicht schlachten. Ich werde dich malen!' Seit Jahren wünschte sich meine Frau Urlaub in den Bergen. Nun hatte sie mich. Ich wollte diese stolze Kuh malen. Also fuhren wir in die Schweiz nach Gstaad.

Dort machen Roger Moore und Liz Taylor Urlaub, und früher war auch Michael Jackson dort unterwegs. Aber meine Prinzessin wohnte oben auf der Alp Wispile, eine halbe Stunde Seilbahn entfernt. Dann der fast einstündige Fußmarsch auf dem Bergrücken durch Nebel und Dunst. Es regnete. Eine einsame Hütte in der Höhe von 1.835 Meter tauchte im Nebel auf. Hier sollte mein Urlaub stattfinden? Meine Stimmung lag zwischen den Kuhfladen am Boden.

Das änderte sich schlagartig, als wir durchnässt die Alphütte betraten und von der Bauernfamilie herzlich in Empfang genommen wurden. Manchmal übertrifft die Realität jede Vorstellung. Wir fielen durch die Zeit und kamen im Erbauungsjahr der Hütte an – 1737. Der 400 Liter fassende Kupferkessel auf dem Feuer ist vitales Herz und Mittelpunkt der Hütte und trägt stolz die Prägung 1881. Er würde dem Gallier Miraculix gefallen.

Nescafé, Hobelkäse und erste Sprachversuche. Zwischen dem norddeutschen Platt und dem Dialekt des Berner Oberlandes liegen einige Welten. Nach drei Tagen verstanden wir das erste Wort im Gespräch der Familie: Fffliege

Die Sonne verwehte noch am ersten Abend den trüben grauen Nebel, und wir standen plötzlich über den Wolken auf einem der schönsten Dächer der Welt. Am nächsten Morgen wurden wir gefragt: 'Wie bitte? Eine Woche wollt Ihr bleiben? Gern, Rotwein ist da, aber im Schnitt übernachten die Leut eine Nacht im Stroh, und dann geht es weiter. Es wird ihnen schnell langweilig. Hier haben die Leute nur sich, die Natur und das Getier. Das ist den modernen Menschen zu wenig.' Strom liefert wenige Stunden täglich der Diesel-Generator für die Melkmaschine und zum Aufladen der Mobiltelefone. Am Abend gibt es nur die Petroleumlampe, das Kartenspiel, das Gespräch und den Schlaf.

Der Hefti Hans wurde vor 43 Jahren auf der Alp geboren. Sie, Sennerin Ruth, kommt von der Nachbaralp und wollte nie einen Bauern heiraten. Erst recht keinen aus der Nachbarschaft. Aber sie trafen sich halt, arbeiten viel, sind glücklich und immer noch verliebt. Die Zusennerin Margit hilft den beiden auf der Alp, außerdem der zwanzigjährige Neffe Michael und während der Schulferien der vierzehnjährige Sohn Lorenz und der neunjährige Sohn Oliver. Die siebzehnjährige Tochter Linda macht eine Lehre als Verkäuferin im Tal und kommt nur an den freien Tagen auf den Berg. Habe ich je so zufriedene Gesichter gesehen?

Den Talbetrieb haben die Brüder Hans und Robert vom Vater übernommen. Während Hans und Ruth in den Sommermonaten die Sennerei auf Voralp und Alp betreiben, bleibt die Familie des Bruders im Tal und kümmert sich um die Heuernte. Ganz allein von der Landwirtschaft können die Familien nicht leben. Nebenbei müssen sich die Brüder noch in der Forst und auf dem Bau verdingen, doch dass sie mit neunzehn Milchkühen und zehn Rindern den Hauptanteil zum Unterhalt beider Familien erwirtschaften können, ist für deutsche Verhältnisse undenkbar.

Nach einer Woche Kuhglocken, Schwizerdütsch und Panoramablick holte uns Hans doch noch einmal aus unserer seligen Ruhe: 'Den Käse könnt Ihr wirklich nicht mitnehmen. Das geht nicht. Der muss reifen. Wenigstens ein Jahr.' Und so wurde uns klar, dass solch ein Kuhleasing nicht mit nur einem Alpsommer zu haben ist. Aus 800 digitalen Kuh-Fotos und zahlreichen Zeichnungen entstand im Norden über Winter und Frühjahr das Bergtier auf einer Holztafel in alter Technik und Überlebensgröße.

Beim Malen dachte ich: Schade, dass Soraia das gemalte Bild nicht sehen kann, denn auf eine aufwendige große Ausstellung hatte ich keine Lust. Aber dann entstand die Idee meiner ersten Ein-Bild-Ausstellung. Die Zutaten: Ein Schweizer Berg, ein alter Stall, eine Kuh namens Soraia und ein Maler mit Tafelbild.

Ich rief in der Schweiz an: 'Hans, ich habe deine Kuh gemalt. Sie ist wunderschön. Soraia muss das Bild unbedingt sehen! Wir möchten bei Dir auf der Alp eine Ausstellung machen.' Je 1 000 Poster und Postkarten wurden gedruckt. Der Schweizer Tourismusverband in Gstaad und Bern war so freundlich und verteilte die werbende Maler-Lieferung.

Im Film 'Die fabelhafte Welt der Amélie' bekommt Amélies Vater Fotos von seinem reisenden Gartenzwerg zugesandt. Welch eine schöne Idee. So zeigten auch wir dem Bild unterschiedliche Orte und fotografierten es.

Die schönste Begegnung auf dem Weg zur Kuh fand im Nürnberger Albrecht-Dürer-Haus statt. Da ich seit meinem fünften Lebensjahr Dürer-Fan bin, wollte ich der Kuh unbedingt dessen Wohnhaus zeigen. Um die Erinnerung an ihn lebendig zu halten, wechseln sich dort richtige Schauspielerinnen dabei ab, als Dürers Frau Agnes durch das Haus zu führen und über die Geschichte des Malers und die Befindlichkeit seiner Zeit zu berichten.

Wir hatten Glück, unsere Agnes war klug und charmant, und als sie an unsere Bildtafel trat, sagte sie: 'Oh, wie schön. Diese Bildtafel sollte mein Mann sehen. Sie wird ihm gefallen!' Doch der Malerfürst war nicht daheim, dabei hätte ich mich so gern mit ihm über seinen Hasen unterhalten. ❯ Hier ist Soraia unterwegs zu sehen.

Endlich wieder auf der Alp. Es riecht wohltuend nach Kräutern, Hummeln summen, die Sonne bescheint das Paradies. Es ist sehr leise. Die Kühe schlafen am Tag und fressen in der Nacht. So werden sie weniger von den Fliegen geplagt.

Wie großartig es ist, diese Menschen wieder zu sehen! Nach dem Lesen unserer Presseerklärung, die wir in der Schweiz verteilt hatten, war Hans verunsichert: 'Was müssen wir denn da so machen bei so einer Ausstellung?' 'Nichts. Vielleicht Milch und Käse an die Gäste verkaufen.' 'Dann ist es gut.'

Beim abendlichen Wein sinniert er: 'Sag mal, Manfred, kann es sein, dass Du in Deinem Maler-Beruf genau so frei bist wie ich hier auf der Alp?' Unsere umfassende Werbung hatten wir oben auf der Alp schon fast vergessen. Genauso vergaßen wir, dass dort unten im Tal die Welt Urlaub macht und dass in allen Hotelzimmern seit Tagen unsere Kuhpostkarten lagen.

Der Tag erwachte. Wir frühstückten in der Sonne. Die Frage des Morgens: Wer wird in dieser Hitze eine halbe Stunde Seilbahn fahren und dann, je nach Alter und Fitness, auch noch dreißig bis sechzig Minuten zu einem einzigen Bild vor einem Stall auf diesen Berg wandern?

Doch dann kamen sie. Zuerst Franzosen, dann Schweizer, Amerikaner, Engländer, Deutsche, Japaner, Italiener, Holländer. Zwei Tage lang. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Maler und Modell waren anwesend in einer überraschend internationalen Ausstellung. Nicht nur Kunst und Malerei-Liebhaber kamen, sondern auch vermögende Viehhändler und erfahrene Viehzüchter, die einzig Kuhbilder sammeln.

Wir hätten das Bild vielfach verkaufen können. Aber nein, es möchte auch zukünftig in unserer Wohnung hängen. Eine Prinzessin verkauft man nicht.

Von einer Kunsthistorikerin wurde ich auf das Ölbild von ❯ Mark Tansey 'The Innocent Eye Test' aus dem Jahr 1981 aufmerksam gemacht, das im Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York ist und ironischen Blick auf die Kunst und ihre Kritiker wirft. Zur Erinnerung stellten wir das Tansey-Werk auf der Alp frei nach.

Nach einer Woche eines spannenden und entspannenden Alpurlaubs Umarmungen, Tränen und das Versprechen, sich wieder zu sehen. Und zum Abschied Hans' Worte: 'Ach ja, weißt Du Manfred, Dich wird nach Deinem Tod keine Sau als Maler kennen, aber meine Soraia, die wird uralt und weltberühmt.'


Manfred W. Jürgens
Manfred W. Jürgens wurde in Grevesmühlen, Mecklenburg geboren. Erste Malversuche unternahm er 1959, absolvierte dann aber zwischen 1973 und 1975 eine Lehre als Vollmatrose. Von 1986 bis 1989 studierte er in Berlin Kommunikationsdesign und lebt als freischaffender Maler und Fotograf in Hamburg
Titelportrait: Malerei von Manfred W. Jürgens · Grafische Gestaltung: Oliver Reblin
Mit freundlicher Genehmigung | Berliner Jounalisten · Magazine 2/2010





Gedanken zum Signet

Kindheitserinnerungen


Eines der ersten Bücher meiner frühen Kindheit war ein kleiner Dürer-Bildband. Er war mein absolutes Lieblingsbuch. Über Jahre lag er im Kinderzimmer unter meinem Kopfkissen. Dort entdeckte ich Dürers Holzschnitt aus dem Jahr 1498: ❯ Das Sonnenweib und der siebenköpfige Drache .

Es erstaunte mich, welch große Flügel die Frauen zu Dürers Zeit trugen. Auch Kinder flatterten mit lockigem Haar, nackig ohne zu frieren, weit oben auf den Wolken herum. Die Vergangenheit schien mir recht turbulent gewesen zu sein.

Und da war der speiende Drache. Ähnliches Verhalten sah ich erstmals auf einem Erntefest im Dorf nebenan. Es war ein an die äußere Hauswand des Tanzsaals in Wüstenmark gekrümmt stehender Bauer mit Würgegeräuschen. Er erinnerte mich an meinen Drachen. Aber er speite kein Feuer.

Ich fragte mich: Wie konnte der Dürer-Drache mit sieben Köpfen glücklich sein. Mir reichte die Verwirrung in meinem einen völlig aus. Mein Lieblingsdrachenkopf des Holzschnitts war der mittlere, der mit dem Blick einer Ziege. Für mich war es der zufriedenste. Andere hatten aggressive Gesichter. Die fand ich zwar interessant, wollte mit ihnen jedoch keinesfalls befreundet sein.

Mein Favorit hatte etwas der Welt entrücktes. Oft träumte ich davon, dass mich der riesige Dürer-Drache nachts beschützte. Im Traum passte er jahrelang in meinen absurden Abenteuern auf mich auf. Der Siebenköpfige verlor allmählich nicht nur seine Zähne, sondern auch seine Köpfe. Vieleicht zog er sie auch nur ein. So genau weiss ich es nicht mehr.

Jedenfalls blieb ihm in meiner Fantasie nur der mit dem Ziegenkopf. Er war ursprünglich dunkelgrün geschuppt, später wuchs ihm kuschlig warmes Ziegenfell. Dieses wusch er sich gelegentlich im Teich am Waldrand unweit meines Elternhauses. Natürlich durfte ich ihm dabei zusehen. Diese Kindheitsträume sind noch heute zu grossen Teilen abrufbar, brannten sich als Erinnerung ein. Mein riesiger Freund war immer dabei.

Mehr als ein halbes Jahrhundert später, im Frühjahr 2014, lud man meine Frau und mich als Gäste zu einem dreitägigen Symposium der ❯ Stiftung Leucorea nach Wittenberg ein. Lucas Cranach der Jüngere und sein anstehender 500. Geburtstag waren das Thema. Auch die Signatur der Familie Cranach wurde ausgiebig wissenschaftlich seziert. Friedrich der Weise von Sachsen verlieh 1508 der Familie Cranach das Signet mit geflügelter Schlange und Rubinring im Maul.

Als Kind sah ich in diesem Fimenzeichen einen kleinen Drachen mit lustigen Fledermausflügeln. Warum er am Rubin rumknabberte, war mir unklar. Manchmal dachte ich, vielleicht male ich mir als Erwachsener auch so ein Zeichen, aber dann ohne diesen teuren Ring.

Nach dem Wittenberger Symposium war es nicht mehr zu verhindern. Ziege, Drache und Schlange verschmolzen zum neuen Signet.

© MWJ, Wismar, 22.10.2014





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