Ruth Rupp

Ich bin hier · Ich bin frei

Ruth Rupp, Karin Falk, Hamburg, Bildnis Malerei, Manfred W. Jürgens Wismar Ruth Rupp, Karin Falk, Hamburg, Bildnis Malerei, Manfred W. Jürgens Wismar

Am 13. April 1926 wurde sie geboren, meine älteste Freundin namens Ruth Rupp. Sie lebte allein in Hamburg. Ihre Wohnung lag im dritten Stock. Einen Fahrstuhl gab es nicht.

Ruth sagte: 'Ein wenig Sport mach ich auch, ja, so ein paar Übungen, oft schon morgens im Bett. Ohne Frühstücks-Ei habe ich schlechte Laune. Warmes Mittag ist mir wichtig. Jeden Tag koche ich für mich selbst und ich bin die einzige im Haus, die noch eine Zeitung hat und diese auch liest'.

Erstmals sah ich Ruth Rupp 2004 auf der Bühne des St. Pauli Theaters in der Dreigroschenoper mit Ulrich Tukur als Mackie Messer. Sie spielte und sang in der Rolle einer Alt-Hure.

Schade, dass der große Federico Fellini sie nie erlebte. Er hätte am gleichen Abend all seine Drehbücher für sie umgeschrieben.

Also, Ruth sang, allein auf der Bühne stehend, den abschließenden Choral und erntete den gefährlichen Schlussapplaus des Stücks. Die Hälfte des Publikums heulte vor Rührung. Ich auch. Mein erster Gedanke war, wenn mir diese kleine Dame eines Tages über den Weg läuft, so werde ich sie ansprechen.

Sechs Jahre nach der großartigen Inszenierung, wiederum im Hamburger St. Pauli Theater, hörte ich im Gehen eine lachende erwachsene Frauenstimme: 'Huch, Verdammt, nun kippt mir wieder einer dieser Typen Rotwein in mein Dekolleté, nur weil ich so klein bin.' Mein Glas stoppte nur wenige Millimeter schräg vor ihr. Ich sah auf eine 141 cm große Frau.

Wir saßen noch lange plaudernd allein im leeren Theater. Andere feierten an der Bar die Eröffnung der Spielsaison, wir verabredeten uns. Ruths Worte waren: 'Wenn Du schon sechs Jahre hinter mir her bist, dann müssen wir das jetzt aber auch mal machen, das mit diesem Portrait'.

Yoshi, ein sehr feinsinniger und musischer älterer Japaner, wohnte nicht weit von uns an der Elbe. Gern besuchte ich seine klassischen Hauskonzerte mit hochkarätigen Musikern. Mit ihm ging Ruth gelegentlich ins Theater. Er brachte mir roten Mohn. 'Die passen zu Ruth. Vielleicht malst Du sie mit diesen Blumen'.

Bereits eine Woche später saß Ruth erstmals bei mir im Atelier. Ruth war zu diesem Zeitpunkt 87 Jahre alt. Sie erzählte mit leuchtenden Augen aus ihrer Kindheit, vom Traum 100 Jahre alt zu werden und von ihrer großen Liebe namens Harm, ihrem 20 Jahre jüngeren Partner. Er verstarb überraschend mit 37 Jahren.

Die riesigen Mohnblumen von Yoshi gefielen ihr. So flossen auch sie in das Bildnis ein.

Ruth Rupp, Karin Falk, Hamburg, Bildnis Malerei, Manfred W. Jürgens Wismar Ruth Rupp, Karin Falk, Hamburg, Bildnis Malerei, Manfred W. Jürgens Wismar

In den Sechzigern des letzten Jahrhunderts leitete Ruth die Kantine im Marienkrankenhaus in Hamburg. Gern erzählte sie über diese Zeit.

Politisch war sie sehr interessiert, kritisch und hellwach. 'Wegen Willy sind wir eingetreten und wegen Helmut geblieben.' Sie zählte zu den ältesten SPD-Mitgliedern Hamburgs.

Nachdem sie acht Jahre lang ihre kranke Mutter gepflegt hatte, entdeckte sie mit siebenundsiebzig Jahren das Schauspiel. Zunächst die Bühne und gelegentlich auch Film.

Unter der Leitung von Jan-Christof Scheibe wurde 2013 der Heaven Can Wait Chor am St. Pauli Theater ins Leben gerufen. Für ein erfolgreiches Casting galt und gilt es immer noch, zwei Bedingungen zu erfüllen: Eine stimmliche Begabung muss vorliegen und unter 70 Jahren Lebenszeit singt hier keiner mit. Ruth erfüllte problemlos beide Voraussetzungen. Gern stand sie in der erster Reihe, wurde zum kleinen Aushängeschild des erfolgreichen Chores. Chormitglieder nennen sie 'Unser Covergirl'.

Gehen wir zeitlich ein paar Schritte zurück. Zum Ende des zweiten Weltkriegs stand sie als junges Mädchen in Hamburg an der Flak. Unvorstellbar. Nach dem Krieg studierte sie Musik und Gesang.

Später war sie Kindermädchen für Landkarten-Falk in Hamburg-Blankenese. Dessen Tochter Karin entdeckte 49 Jahre später das gemalte Portrait auf meiner Webseite. Das ist doch Ruth, die ich als Kind so liebte, mein Kindermädchen von einst.

Ein Telefonat: Kann es sein? Ja, natürlich, Ruth hat schon oft von Ihnen erzählt! Nun besuchten sie sich von Zeit zu Zeit, verreisten gemeinsam und waren zum zweiten Mal innigst befreundet.

Somit ist Malerei wohl doch nicht ganz so sinnlos.

'Mein Alter spüre ich seitdem ich 85 bin', betonte Ruth. 'Plötzlich brauchte ich einen Herzschrittmacher. Den Ruhestand zu planen, finde ich albern und nutzlos. Es kommt sowieso anders. Das Motto meines Lebens: Ich freue mich, dass ich leben darf, auch wenn es immer wieder schwer war, mit Krieg, Vertreibung, dem plötzlichen Tod meines Partners. Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich gesagt: Das überstehe ich nicht. Aber dann konnte ich es doch. Daraus schöpfe ich immer wieder neue Kraft.'

'Geld ist mir unwichtig. Mein Rat für Jüngere: Das Leben ist so bunt und so reich, sucht es nicht auf euren Smartphones.'

Überraschend schnell verweht die Zeit unseres Seins. Ruth war nun weit über 90 und Karin, das Kind, das sie einst betreute, kümmerte sich jetzt rührend um sie. Karins Sohn kaufte regelmäßig für sie ein.
Ruths Gebrechen nahmen allmählig zu und sie zog mit 98 Jahren doch in ein Heim um.

Eine Woche vor ihrem 99. Geburtstag erzählte sie Karin bei einem Besuch, dass sie ihren 99. bereits einen Tag zuvor mit Kaffee und Kuchen gefeiert hatte. Karin umschrieb das so: Als ich dann am 13. April zu ihrem wirklichen Geburtstag kam, ihr zum 99. gratulierte, zeigte sie sich leicht empört. 'Ich bin doch jetzt 100, hast Du das vergessen? Ich weiß doch am Besten, wie alt ich bin!'

Bei weiteren Besuchen war sie erneut sehr stolz auf ihre 100 Jahre. Karin protestierte nicht. Damit war Ruth sehr zufrieden. Welch fabelhaft versteckte Selbstironie, egal, ob bewusst oder unbewusst.

Am 31. Oktober 2025 ging Ruth von uns. Eines ihrer Lieblingslieder, das sie auch auf der Bühne sang, war die 'Perfekte Welle' der Pop-Rock-Band Juli aus dem Jahr 2004. Im Text heißt es 'Ich bin hier, ich bin frei‘. Diese Worte waren auch am 25.11.2025 im Mausoleum in Aumühle am Altar unter Ruths geschmückter Urne auf violettem Grund zu lesen. Neben dieser ein Foto, auf dem Ruth vor ihrem gemalten Porträt steht.
18-stimmig sang der Heaven can Wait Chor mit Jan-Christof Scheibe am Klavier während des Gottesdienstes drei Lieder. Das erste war von Herrn Lindenberg … 'Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los, denn alles was du hast ist dieses eine blos' …

Zum Abschluss der Urnenbeisetzung erzählten viele in der Runde kurze Anekdoten, die sie mit Ruth einst erleben. Es wurde viel geweint und noch mehr herzlich gelacht. So erlebten meine Frau und ich eine sehr berührende und zutiefst lebensbejahende Beisetzung. Auf dem Rückweg berichteten einige Trauergäste schmunzeld, dass sie Ruths begeistertes Händeklatschen von oben gehört hätten.

Unser Dank geht an Karin Falk für diese ideenreiche Abschiedszeremonie.

Text © Manfred W. Jürgens, Wismar, 30.11.2025
Bild oben · Bildnis Ruth Rupp, 2011 · Malerei © Manfred W. Jürgens
Bild unten · Karin Falk und Ruth Rupp, Wismar, 11.06.2017, Foto © Manfred W. Jürgens




Ruth Rupp verstarb am 31.10.2025 in Hamburg im Alter von 99 Jahren.


Ruth Rupp, Manfred W. Jürgens Ruth Rupp, Manfred W. Jürgens

Ruth Rupp

* 13. April 1926 - † 31. Oktober 2025

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Ruth Rupp im Atelier · Hamburg, 12.03.2011



Ruth Rupp singt Franz Schubert

Franz Schubert · 1797-1828

Der Wanderer an den Mond · Arrangement Roman Lemberg


Aus dem Film 'Der Wanderer' von Jakob Klaffs 2008 · Gesang: Ruth Rupp · Wanderer Ensemble: Jutta Spiegelberg, Lina Liu, Aviva Piniane, Karin Enzler · Klavier und Celesta: Roman Lemberg

Mit freundlicher Genehmigung © Jakob Klaffs




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Das Leben
Lied von Udo Lindenberg
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Heaven Can Wait: Wir leben jetzt
Der Trailer
auf YouTube

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Heaven Can Wait: Wir leben jetzt
Die Doku
von Sven Halfar

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Sven Rohde
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Biografie von Ruth Rup