Bildgeschichten | Malerei im Entstehen

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10.06.2019

25.06.2019

10.05.2019

17.01.2019

10.08.2018

20.11.2018

03.07.2017

23.07.2014

23.05.2013

06.02.2013

04.01.2011

13.12.2010

01.02.2010




Stillleben mit Wassermelone

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 0,90 x 0,88 m, 2018/19


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'Guck mal, ich hab Dir vom Türken aus der Mecklenburger Straße etwas mitgebracht! Ein echtes Schwergewicht. 'Meine Frau kam vom Einkauf ins Atelier. 'Ist das etwas für ein Stillleben?'

Nun ja, ich müsste sie zerschneiden, inszenieren und die vielen Stillleben mit Melonen aus der Geschichte der Malerei verdrängen. Das Bild sollte im Heute spielen.

Also baute ich mir im Atelier eine kleine Bühne auf, wartete auf das Abendlicht und zerschnitt die leicht längliche Wassermelone.

Irgendwie sah das brutal aus.

Das Aufschneiden einer Wassermelone erweckt seltsame Assoziationen. Das Fruchtfleisch vermittelt etwas Organisches. Eine Melone als Metapher für eine brutale Verletzung in Szene zu setzen, reizte mich.

Bitte nichts Süßliches. Obwohl ich die durstlöschende Süße dieser Melonen sehr schätze. Das in ihr verborgene Vitamin A ist gut für die Augen. Das gefällt mir als Maler.

Es soll auch für schöne Haut sorgen. Ich befürchte, diese Melone kommt bei mir zu spät.

Möge ihr Antioxidans mich vor Krebs schützen, damit ich noch ein paar Jahrzehnte munter weiter malen kann.

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Beim Malen begleitete mich das Hörbuch: 'Wut ist ein Geschenk' von Arun Manilal Gandhi.

© MWJ, Wismar, 10.06.2019





Bildnis Götz Barner

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,30 x 0,95 m, 2014/19


Götz Barner, Schmuckdesign Götz Barner, Schmuckdesign

Domenica Niehoff, Deutschlands prominenteste Prostituierte, war im Alter von 63 Jahren gestorben. Dies war am 12.02.2009 auch der ARD eine Tagesschaumeldung wert.

Von meinem Hamburger Atelierfenster aus sah ich wenige Tage später einem ‣ TrauerzugDomenica Niehoff, Trauerzug, Herbertstrasse nach. Er bog zu ihrem Gedenken in die Herbertstraße ab, in der sie einst gewerblich tätig war.

Der Fotograf Günter Zint, von dem es beeindruckende Domenica-Fotografien gibt, trug ein gemaltes Bildnis von ihr voran. Viele Bekannte reihten sich ein. In der Prozession fiel mir ein ganz in Weiß gekleideter Herr auf. Nie zuvor hatte ich ihn gesehen. Am Folgetag erschien von ihm im Hamburger Abendblatt ein Foto zum Thema Trauerzug. 'Der gefällt Dir, oder!', schmunzelte meine Frau.

Es dauerte Jahre bis ich ihn wiedersah.

Sommer 2014. Unverkennbar, dort sitzt er, der Dandy in Weiß. Welch ein Paradiesvogel. Wie wir frühstückte auch er zu später Mittagsstunde vor dem Kiezcafé Liebling auf St. Pauli. Ihn anzusprechen traute ich mich nicht, beobachtete ihn jedoch sehr lange. Am Abend entdeckte ich in der NDR-Mediathek einen Film über ihn. Danach fand ich seine Telefonnummer im Netz, rief ihn an und wir verabredeten uns, um im Cuneo bei Franca, die ich kurz zuvor portraitiert hatte, essen zu gehen. Es war ein interessanter Abend. Ihm erzählte ich, daß Malerei eine großartige Ausrede sei, um interessanten oder seltsamen Menschen zu begegnen. 'Falsch!' entgegnete er. 'Sie ist Anlaß!' Das gefiel mir.

Am Folgetag, als ich meine Fotoskizzen machen wollte, regnete es in Hamburg. Also gingen wir mit unserem Fotoequipment zu Heidi, unserer Lieblingsfriseurin an der Alten Rinderschlachthalle, und bauten dort im Salon die Scheinwerfer auf. Heidi fand das recht amüsant und Götz hatte viel Geduld mit mir.

Manchmal brütet man als Maler recht lange über einem Bildnis. In diesem Fall waren es mehr als zehn Jahre von der Idee bis zur Fertigstellung. Sollte sich jemand die Frage stellen, was Götz beruflich macht - Götz Barner ist Schmuckdesigner auf St. Pauli.

‣ Detail Götz Barner, Schmuckdesign

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In den letzten Tagen der Fertigstellung hörte ich im Atelier Musik vom ‣ Grammophon. Der folgende Song war auch dabei. Atelier-Grammophon

Decca Records / Cahn, Chaplin · 1938

Joseph! Joseph! · Ambrose and his Orchestra · Gesang Evelyn Dall

Aufnahme vom Atelier-Grammophon © Ambrose and his Orchestra

© MWJ, Wismar, 25.06.2019





Stillleben mit Löwenzahn

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 0,48 x 0,53 m, 2018/19


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Seit zwei Jahren haben wir einen Garten. Für mich war er anfänglich eine echte Bedrohung. Eine Art Unwesen ums Anwesen. Heute ist er Genuss. Niemals hätte ich gedacht, dass dieses pflegebedürftige Fleckchen Erde Einfluss auf meine Malerei nehmen würde.

Löwenzahn hat etwas Faszinierendes. Erblühen und Vergehen stehen unmittelbar nebeneinander. Sein Verblühen verweist hoffnungsvoll auf den nächsten Frühling. Die schwebenden, erstaunlich weite Strecken zurücklegenden Fallschirme seiner Pusteblumen luden mich als Kind zum Träumen ein.

Aber Löwenzahn ist auch hartnäckig - er hat keine Angst vor Asphalt oder Beton. In meiner Kindheit zeichnete ich ihn oft.

Auch die Bienen lieben diese seltsame Pflanze. Und was der Löwenzahn alles so kann: Der Saft der Stengel eignet sich zum Entfernen von Warzen und lindert auch den Schmerz nach Insektenstichen. Seine Wurzeln sind als Tee voll lecker.

Für die einen ist es Unkraut und das muss weg. Chemische Keule oder tiefe Wurzeln ausbuddeln, das ist die Frage. Es gibt andere, die denken bei Löwenzahn an ‣ das grosse Rasenstück Albrecht Dürer, Das grosse Rasenstück von Albrecht Dürer. Und ich denke bei Löwenzahn an leckeren Salat. In seinen Blättern verstecken sich Vitamin C und Provitamin A..

Nicht zu vergessen: Auf seinen Stengeln kann man Musik machen. Nun ja, es ist mehr ein Tröten.

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Beim Malen hörte ich Wolfgang Borcherts Erzählung: Die Hundeblume.

© MWJ, Wismar, 10.05.2019





Bildnis Franca Cuneo

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,05 x 0,77m, 2013/14


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Im Glauben, etwas zu verpassen, zogen meine Frau und ich 2009 für sechs Jahre von Wismar nach Hamburg. Nun wohnten wir auf St. Pauli, 37 Meter von der Herbertstraße entfernt. Mitten im Epizentrum deutscher Prostitution, in einer Loftwohnung über dem Hotel Hanseport Ecke Erichstraße.

Trotz des exorbitanten Trubels lebt es sich dort wie in einem Dorf. Am Tag hat der St. Paulianer viel Zeit. Die Geschäfte beginnen bei den meisten am Abend und enden nach exzentrischer Nacht im ermüdenden Morgen. Junggesellenabschiede verwässern den Partyrummel. Der soziale Zusammenhalt ist unter den Einheimischen noch groß. Mental ist man kompatibel. Wer hier wohnt, lebt oder auch arbeitet, gehört dazu, ist Teil eines sich schnell verschleißenden Getriebes. Die Dichte der Abgestürzten ist zunehmend. Selten hatte ich Gelegenheit, so tief in unsere menschlichen Abgründe zu sehen. Leicht findet man Zugang zu Bewohnern und Gästen. Fühlt sich so ein erfülltes, buntes Malerleben an? Gelegentlich habe ich dieses Gefühl. So war es auch, als ich die 87-jährige Kiezwirtin ‣ Erna Thomsen Realistische Malerei, Künstler heute, Realismus Kunst, Zeitgenössische Maler, Neue figurative Sachlichkeit, Porträtkunst realistisch, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Porträts, Stillleben, Bildende Kunst, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar in Hamburg porträtierte.

Meine Frau macht beruflich Hafenplanung, sie ist Wasserbauerin. Das passt zum Ort. Wir arbeiten gern und oft bis in die Nacht. Hast Du schon etwas gegessen? Nein. Es ist bereits 24 Uhr! Lass uns ins Cuneo gehen, außerdem ist mir nach Rotwein. Wir gehen zwei Straßen weiter zu Franca.

Francas Cuneo liegt um die Ecke. 1905 begann ihr Großvater Francesco Antonio Cuneo hier das erste Speiselokal mit italienischer Küche in Deutschland zu etablieren. Zu dieser Zeit gab es in Hamburg Schilder an Häusern mit der Aufschrift 'Hunde und Italiener draußen bleiben!' In den ersten Jahren war das Lokal Destillation und Weinhandlung, durchlebte schwere und großartige Zeiten. Es blieb immer in Familienbesitz. Franca führt es heute in vierter Generation.
Die quirlige Stimmung im Ristorante erweckt nie erlöschende Neugierde in unseren Augen.

Oft sitzen wir hier spät nach der Arbeit, nachts nach Theaterbesuchen, treffen Freunde. Gern sind wir bei Franca zu Gast. Sie gibt uns das verzaubernde Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören. Den Gästen schaut sie in die Augen und verliert dabei nicht das Gespür einer Regisseurin. Eine, die intuitiv an den richtigen Fäden zieht, um ihre Theaterbühne spannungsvoll mit Liebe zu bespielen. Den Spirit von einst hält sie ohne sich zu verbiegen aufrecht. Zu Arbeitsbeginn hört sie Paolo Contes 'Genova per noi'. Die Lyrik rührt mich oft zu Tränen und ich denke, er hat dieses Stück nur für sie geschrieben. Natürlich tat er das nicht, aber es passt 1:1 zu ihr und zu diesem Ort. ‣ Hier ist der Text in der deutschen Übersetzung sowie im italienischen Original zu lesen.

Von Franca war ich sofort begeistert. Ich liebe starke Frauen. Und so wurde bei schmackhafter Pasta mit Spinat und Rotwein der Wunsch, sie zu porträtieren, geboren.
Eine schüchterne Frage meinerseits. Franca sagte zu. So entstand ein intensives Bildnis, ein sinnlich leises.

Danke Franca!

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© MWJ, Wismar, 17.01.2019




Der Bremer Hahn

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,58 x 1,06 m, 2016/18


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Allerdings kamen Esel, Hund, Katze und Hahn nie bis Bremen. Die steinalte A Cappella Band annektierte ein Räuberhaus im Wald weit vor den Toren der Stadt. Seitdem leben sie mietfrei im Speckgürtel, musizieren erfolgreich auf Bremer Bühnen, benutzen Bremen im Bandnamen und bezahlen keine Steuern im Stadtstaat. Das hanseatische Bremen schmückt sich trotzdem gern mit diesem Märchen und den vier Steuerflüchtlingen aus der Hausbesetzerszene.

Die einst umstrittene Bronzeplastik der Stadtmusikanten von Gerhard Marcks aus dem Jahr 1953 steht stolz in Wahrzeichen-Konkurrenz zum Roland vor dem Bremer Rathaus. Jeder Asiate hat sie mindestens einmal aufgeregt berührt.

Bremen ist das kleinste deutsche Bundesland und bereits seit vielen Jahren hoch verschuldet.
Zu diesem Thema wollte ich gern etwas malen. Aber wie? Ein Pleitegeier vor dem Rathaus wäre trivial. Zu Geld habe ich nachweislich ein gestörtes Verhältnis, gehört also auch nicht ins Bild, und bloß keine Regional- oder Tagespolitik, so waren meine Gedanken.

Aber es gibt die Redensart 'Federn lassen'. Diese umschreibt den Zustand des Schaden Erleidens, des Geschädigt Werdens, meint, dass jemand Nachteile hinnehmen muss. Zu diesem Sinnbild suchte ich etwas für mein Bild zum Thema 'Verschuldung der Stadt Bremen'. Der Zufall wollte es, dass ich auf eine Zeichnung des großartigen englischen Tiermalers George Stubbs stieß. Eine sehr seltsame Zeichnung, 40,6 x 56,5 cm groß, erstellt im Spätbarock. Als hätte Stubbs sie speziell für mein Thema gezeichnet. ‣ Hier ist sie zu sehen.

Da war er plötzlich, der Hahn der Bremer Stadtmusikanten, der wegen der immensen Verschuldung der Stadt symbolisch Federn lassen musste. Er eilt, fast schwebend, auf steinigem Weg. Seiner Haltung sieht man die innere Verfassung nicht an. Er wurde nicht fett vor Frust, blieb sportlich und athletisch. Stolz und verschuldet. Ein nackter Hanseat ohne Federkleid.

Mein Dank gilt meinem Kollegen George Stubbs, der die Vorzeichnung zu meiner Bildtafel bereits um 1800 fertigte. Respekt. Ohne diese hätte es meine Verschuldungsgeschichte in dieser Form nie gegeben. Im Hintergrund türmen sich die Stadtmusikanten ohne Hahn vor dem Rathaus. ‣ Zur Bildentstehung

© MWJ, Wismar, 10.08.2018

Brüder Grimm · 1819

Die Bremer Stadtmusikanten

Sprecher: Johannes Ackner © www.vorleser.net





Familienbildnis

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,85 x 1,93 m


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Dort stand er im Regal, der Fotoband 'NeoRealismo - la nuova immagine in Italia 1932-1960'. Eine umwerfende Zeit für die Schwarzweißfotografie. Auf dem Titel des Bandes ein Foto von Tranquillo Casiraghi - Gente della Torretta. ‣ Zur Fotografie. Tranquillo Casiraghi Gente della Torretta

Nie zuvor hatte ich dieses Foto gesehen. Mir stockte der Atem. Seltsam, ich verstehe es bis heute nicht. Dieses Foto ergriff mich zutiefst und sprach: 'In ähnlicher Komposition wirst Du Katharina und Ulrich malen!' Wir kauften zwei Kataloge. Einen für Katharina, sie ist Fotografin, wohnt nur wenige hundert Meter entfernt am gleichen Fundamente. Ich liebe ihr fotografisches Werk.

Meine Bildidee wurde akzeptiert. In derartigen Momenten bin ich sehr glücklich. Auch meine Frau und Muse stimmte zu. Bis zur Geburt des Bildes werde ich alles aufbringen, was es von mir verlangt. Lust, Liebe, Selbstzweifel, Geduld, Lebendigkeit, Verlorenheit, Hoffnung und Zuversicht.

Katharinas Mann ist Schauspieler, Musiker und Autor. Es sollte schwierig sein, einen gemeinsamen Termin fürs Modellsitzen zu finden. Sechs Monate später trafen wir uns in einem Hamburger Hotel. Da war nur ein Problem. Die von den beiden ausgewählte Kleidung war nicht vor Ort. Während ihres Zwischenstopps in Brüssel wurde der Flughafen durch einen Bombenalarm außer Betrieb gesetzt und die Koffer waren noch in Belgien. Also suchten wir neuen Termin – ein entspanntes Treffen im Frühjahr in Venedig. Katharina entdeckte zwischenzeitlich auf der Insel eine geeignete Wand für den Hintergrund der Tafel. Ich liebe es, wenn die zu Porträtierenden mitspielen. Dann wird das Bild zur gemeinsamen Inszenierung.

Glücklicherweise hatten beide, nach Jahren der Trauer über den Tod ihres Hundes Toto, gerade einen neuen Hund zu sich genommen. Unter dem Pianohocker lag die acht Wochen alte Eurasierhündin Peppina. Sie trug die gleiche Haarfarbe wie ich. Meine innere Stimme sagte mir: Sie gehört ins Bild. Ich male ein Familienbildnis mit drei eigenständigen Persönlichkeiten!

Wir nahmen uns einen Kaffeehausstuhl namens 'Kafka' und schlenderten durch den Sonntagnachmittag über die Giudecca hin zur maroden Wunschwand. Durch Bäume flackerten sonnige Lichtflecken. Reste eines tiefroten Wandanstrichs erweckten den Eindruck von heruntergelaufenem Blut. Anwohner bewunderten die junge Peppina mit den Blicken von Großmüttern, die erstmals ihr Enkelkind sehen.

Nach wenigen Stunden hatte ich die Fotoskizzen, die ich mir für mein lebensgroßes Familienbildnis erträumte. Welch Freude! Am Abend gingen wir essen. Es gab interessante Gespräche voller Leichtigkeit und schweren Rotwein.

Nachts im Traum begegneten mir die Drei in einem Theater dessen Drehbühne rustikal gepflastert war. In den Fugen der Pflasterung strömte Lava. Diese Traumwelt floss ins Bild ein. Sie passt zur Geschwindigkeit in der die Porträtierten leben.

Bedingt durch unseren Umzug von Bremen nach Wismar und die Bauarbeiten am Haus verzögerte sich die Fertigstellung. Nun ist die Tafel vollendet. Im Sommer bekommt sie den Schlussfirnis und wird 2019 erstmals in der Ausstellung ‣ 'John und Jürgens · Auf Augenhöhe' in Leer auf Schloss Evenburg in Ostfriesland präsentiert. ‣ Zur Bildentstehung

‣ Katharina John und Peppina in der Atelier-Galerie Jürgens in Wismar Realistische Malerei, Künstler heute, Realismus Kunst, Zeitgenössische Maler, Neue figurative Sachlichkeit, Porträtkunst realistisch, Porträtmalerei Porträtmaler, Bildnisse, Porträts, Stillleben, Bildende Kunst, Stilllebenmalerei, Stilllebenmaler, Manfred W. Jürgens Wismar

© MWJ, Wismar, 20.11.2018





Bosse im Wald

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 0,85 x 0,90 m, 2015/17


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Ich staunte. Was? Ja, das war einst ein lebendes Wildschwein.

Wildschweine hatte ich schon oft von weitem gesehen. Wir wohnten am Waldrand. Mein Opa hatte mir erzählt, dass Wildschweinmänner große Zähne an den Seiten haben mit denen sie gern Kinder aufpieken. Ich hatte große Angst vor ihnen. Sie erschienen mir immer wütend, auch unzufrieden, konnten verdammt schnell laufen und wühlten vor Neugierde viel umher. In einem Alptraum jagten sie mich noch Jahrzehnte später durch den dunklen Wald.

Aber das hier sollte der Rest von einem Wildschwein sein? Es erfüllte mich mit Trauer. Mehr sollte nicht bleiben wenn Tiere sterben? Oh es sind schon noch ein paar Knochen mehr. Du hast nicht alle gefunden.
Meine leise Frage war: Und wir, wir Menschen, was bleibt von uns? Mmh, so die Antwort, wer weiß das schon so genau.

Es gab Abendbrot und ich verstummte für den Rest des Tages.

Das war meine erste Begegnung mit dem Tod. Viele weitere sollten folgen. Aber an diese erste intensive fühle ich mich oft erinnert und wollte diese Erfahrung eines Tages in einem Bild erzählen. So suchte ich lange nach einem staunenden, knapp vier Jahre alten Jungen. Ich wollte nicht mich malen.

Von einem Spaziergang mit Schwiegermutters Hund brachte meine Frau mir vor einigen Jahren einen vom Hund gefundenen Wildschweinschädel mit. Ein Ameisenhaufen war nicht in der Nähe, also kochte ich den Schädel ab. Es stank fürchterlich.

Den Jungen in meinem Bild traf ich Jahre später.
Es ist der Sohn eines Kollegens meiner Frau. Er saß für dieses Bild im Atelier mit dem Wildschweinschädel Modell. Ihm erzählte ich meine Geschichte und dass der Schädel noch viele Jahre in einem Regal meines Kinderzimmers zu sehen war. Irgendwie standen ihm die Haare zu Berge und ich sah einen Mix aus Staunen und Erschütterung.

Als Bosse das Bild entstehen sah, meinte er: Du malst mich, aber ich saß doch gar nicht, nie saß ich in so einem Wald mit dickem Baum. Das war doch in deinem Atelier.

Ja, so ist Malerei. Alles ist möglich und irgendwie ist jedes Bild auch ein Selbstbildnis.

‣ Der Aufbau von Imprimitur, Untermalung und Lasuren im Überblick
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© MWJ, Wismar, 28.07.2017




Pietà

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 0,80 x 2,00 m, 2014


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Die Auseinandersetzung mit Kommen und Gehen, Liebe, Verlust, Trauer, Leid und Tod ergreift irgendwann jeden Menschen. Gewollt oder ungewollt. Sie ist Bestandteil unseres Seins und trägt sicher unsere unumgängliche irdische Vergänglichkeit als Ursache in sich. Dass sich Gläubige diesem Thema spirituell annehmen ist nachvollziehbar. Seit es den Menschen gibt, setzt er diese Prozesse, Werte und Inhalte gestalterisch um. Otto Dix erkennt 'Die alten Themen sind die Besten'.

Je unruhiger sich mein Umfeld gestaltest, je hektischer die Gesellschaft sich formt und wandelt, die Demokratie in ihre Krise gerät, desto grösser wird meine Sehnsucht nach Ruhe und Andacht. Im letzten Jahr sah ich in Porto das Bild ‣ Mártir Cristão von Joaquim Vitorino Ribeiro aus dem Jahr 1879.

Wir, die Besucher des Museums, standen leise und andachtsvoll vor der Bildtafel. Sie berührte. Unfassbare Andacht. Stille. Meine innere Stimme sagte mir später: Das ist die Idee für eine eigene Pietà. Irgendwann male ich ein eigenes Andachtsbild. Gleiches fühlte ich schon oft beim Anblick der Werke von Giovanni Bellini in Venedig.

Als dann Monate später bei einer Modellsitzung zum Thema Lucretia mein Modell, des Inhalts wegen der Ohnmacht nahe, sich aufs Sofa legte und das getrunkene Wasserglas absenkte, war die Idee geboren. Das Glas ist leer und wird gleich zu Boden fallen. Und da waren die aufstrebenden Linien wie bei Ribeiro. Die Haare flossen dahin wie gelebtes Leben. Das Tattoo schlich sich als Tod in die Wesenheit und entrückte die Figur auf seltsam schwebende Art dem Jetzt.

Die nächsten Monate gehörten dem Thema Pietà. Warum sollte ich das mittelalterliche Thema nicht transformieren mit einem Menschen von heute? Oft dachte ich, vielleicht ist es die zurückgelassene Maria selbst. Der Gedanke gefiel mir und ich verlieh, trotz der gewählten Kälte des Bildes, dem Inhalt etwas Entschwebendes. Sofa, Stiefel und Kostüm sind eine merkwürdige Mischung verschiedener Zeiten und Inhalte. Willkommene Gründe für Irritation.

Reaktionen auf die Tafel gab es bisher nur im Atelier. Auffällig ist die Stille, die das lebensgroße Bild auslöst. Auch bei Menschen die nicht aus unserem Kulturkreis stammen. Meinungen und Äusserungen zur Tafel: Lebt sie noch? · Ich sehe die Schönheit des Seins, den vergehenden Schmerz und die Erlösung. · Woran ist sie gestorben? Am Verlust? · Hat sie sich vergiftet? · Ist ihre Seele noch hier? · Da schwingt auch eine erotische Komponente mit. Seltsame Mischung. · Der Welt entrückte Andacht. · Sehr sanft entschwebend. · Welch eine Ruhe. · Vielleicht auf der Party liegen geblieben?
Es gab auch empörte Newsletter-Abbestellungen aus den Vereinigten Staaten. ‣ Zum Video über die Bildentstehung


© MWJ, Bremen, 23.07.2014




Fehlende Bodenhaftung

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,00 x 0,73 m, 2012/13


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Trotz aufkommender Gelassenheit stellt sich bei mir keine Gleichgültigkeit gegenüber politischen Tendenzen ein. Sollte ich als Maler politische Entwicklungen reflektieren? Die Antwort in mir lautet immer wieder: Bitte keine Tagespolitik. Such dir Metaphern!

In der venezianischen Accademia sah ich vor zwanzig Jahren erstmals die 'Madonna degli Alberetti' von Giovanni Bellini. ‣ Hier ist sie zu sehen, die Madonna mit dem Jesuskind gemalt 1487. Großes Theater vor einem einfachen Vorhang. Eine fesselnde Inszenierung, eine simple und zugleich geniale Bildidee. Für meine Stilleben entlehne ich diese gelegentlich.

Aus einem mehrwöchigen Venedig-Urlaub zurückgekehrt, sah ich in einem Tonkrug unserer Küche Kartoffeln keimen. Es waren recht lange Keime. Die Kartoffeln hatten ihre letzte Energie in der Hoffnung auf Zukunft geopfert. Leider werden sie in Kürze ohne Erdung vergehen. Ihnen fehlt die Bodenhaftung. Aber zuvor zeigen sie sich in gelber, grüner und purpurner Schönheit. Ein verzweifelter Griff nach Licht dem Tod entgegen. Es bot sich mir eine ebenso fesselnde Inszenierung wie die der Madonna mit dem Kind.

In der Politik geht es zunehmend weniger um Inhalte. Posten und Macht sind das Ziel, oft durchwachsen von gefährlicher Leere. Ein hilfloses Gerangel auf kalter Bühne in Richtung Kamera. Minister sind vielfach zu jung und unerfahren. Ihnen fehlen Geschichte, diplomatische Erfahrung und Gelassenheit. Und sie haben ein Zuviel an Glanz und einstudiertem Dauerlächeln. Ihnen fehlen ebenso wie meinen Kartoffen die Bodenhaftung. Und so vergehen sie recht schnell.

Da war die Metapher. Ein unförmiger roter Ziegelstein auf grünem Marmor wird zur Bühne für die letzte Reise. Bald kommen Asseln und Spinnen. Tod und Teufel wirken bereits im Hintergrund. Die Schönheit trügt. Es ist ein kurzes trauriges Aufbäumen, bevor der Vorhang fällt und der Grashüpfer weiter zieht. Wohl denen, die Erfahrung und Geschichte in sich tragen, denen die Bodenhaftung für die Zukunft gegeben ist. Diesen Menschen und Kartoffeln wünsche ich ein langes, erfülltes Leben voll farbenfroher Blüte und Schönheit.
‣ Zur Bildentstehung


© MWJ, Bremen, 23.07.2014





Helmut Schmidt im 95. Lebensjahr

Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,34 x 0,87 m, 2012/13


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Mit 25 Jahren zog man mich gegen meinen Willen zum Wehrdienst ein. Ich landete bei der Transportpolizei. Als Helmut Schmidt 1981 mit dem Zug über die innerdeutsche Grenze nach Güstrow zu Erich Honecker fuhr, lag ich, wie unzählige andere, als Wachtmeister zu dessen Sicherung an der Bahnstrecke bei Bad Kleinen. Nie hätte ich gedacht, daß ich den rauchenden Kerl dort oben am Fenster des Speisewagens einmal malen würde.

Mein Hamburger Malerfreund Karmers lud mich 2005 zu dessen Ausstellungseröffnung ins Verlagshaus der ZEIT ein. Dort begegnete ich auf einem schmalen Flur Helmut Schmidt und dachte: ‘Seltsam, welch eine charismatische Gestalt‘.

Über die Jahre las ich seine Bücher. Beim Malen hörte ich seine Mozart und Bach-Interpretationen. Pianokonzerte mit dem London Philharmonic Orchestra und den Hamburger Philharmonikern. Diese spielte er zu seinen Bundeskanzlerzeiten ein.

2012, der Zufall wollte es, dass der ZEIT-Redakteur Urs Willmann mit seinem Schweizer Charme mir einen Termin bei Helmut Schmidt vermittelte.

Ich wurde gewarnt. Man mußte ihm gewachsen sein, seine langen Pausen, sein Schweigen nicht nur ertragen, sondern umgehend für neue Ideen nutzen. Speichellecker und Schleimer waren ihm zuwider. Er liebte den Widerspruch im Gespräch, war auch im hohen Alter hellwach und neugierig. Ich erinnere mich sehr gern an diesen musischen Menschen. Zudem war er ein großartiger Witzbold voller Humor.

Bevor er mir Modell saß, hatte er seine steinalte Zigarrenkiste, in der mehrere Schachteln Zigaretten lose Platz fanden, von seinem Schreibtisch geräumt. Schmidt mit Zigarette war auch nicht mein Thema. Ich wollte meinen Piloten in seinem Cockpit namens Wissen.

Mehr als ein Jahr nach Erstellung der Bildskizzen präsentierte ich ihm die fertige Bildtafel in seinem ZEIT-Büro. Seine mich verabschiedenden Worte waren: 'Malen Sie, malen sie Herr Jürgens!‘.

‣ Zur Bildentstehung

© MWJ, Hamburg, 06.02.2013

Johann Sebastian Bach · BWV 1061: II. Adagio ovvero Largo

Klavier Helmut Schmidt · Christoph Eschenbach, Justus Frantz und die Hamburger Philharmoniker

Mit freundlicher Genehmigung © Deutsche Grammophon







Bildnis Ruth Rupp

Lasur- und Mischtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,02 x 1,00 m, 2011


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Sechs Jahre später, im Hamburger St. Pauli Theater, hörte ich im Gehen eine lachende erwachsene Frauenstimme rufen: Verdammt, nun kippt mir wieder einer dieser Typen Rotwein in mein Dekolleté nur weil ich so klein bin. Mein Glas stoppte nur wenige Millimeter schräg vor ihr. Ich sah auf eine 144 cm große Frau. Wir saßen noch lange plaudernd im leeren Theater. Andere feierten an der Bar die Eröffnung der neuen Spielsaison, wir verabredeten uns. Ruths Worte: Wenn Du schon sechs Jahre hinter mir her bist, dann müssen wir das jetzt aber auch mal machen, das mit diesem Portrait.

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Nach einer Woche saß sie erstmals bei mir im Blankeneser Atelier. Ruth ist nun 85 Jahre alt. Nachdem sie acht Jahre lang ihre kranke Mutter gepflegt hatte, entdeckte sie mit siebenundsiebzig Jahren das Schauspiel. Zunächst die Bühne und gelegentlich auch Film.

Vor dem Krieg studierte sie Musik und Gesang. Im zweiten Weltkrieg stand sie als Mädchen in Hamburg an der Flak. Unvorstellbar. Später war sie Kindermädchen für Landkarten-Falk in Blankenese. Dessen Tochter Karin fand sie, nach 49 Jahren, durch mein gemaltes Portrait über Google wieder. Das ist doch Ruth, mein Kindermädchen von einst. Ein Telefonat: Kann es sein? Ja! Nun besuchen sie sich von Zeit zu Zeit und sind zum zweiten Mal befreundet.

Somit ist Malerei wohl doch nicht ganz so sinnlos.

© MWJ, Hamburg, 04.01.2011

‣ Buch-Tipp: Die Ruth Rupp Biografie von Sven Rohde

‣ Zur Bildentstehung

Ruth Rupp singt Franz Schubert

Franz Schubert · 1797-1828

Der Wanderer an den Mond · Arrangement Roman Lemberg

Aus dem Film 'Der Wanderer' von Jakob Klaffs 2008 · Gesang: Ruth Rupp · Wanderer Ensemble: Jutta Spiegelberg, Lina Liu, Aviva Piniane, Karin Enzler · Klavier und Celesta: Roman Lemberg

Mit freundlicher Genehmigung © Jakob Klaffs



Ruth Rupp, 90

© Stern Nr. 39 vom 22.9.2016 | Protokoll Sven Rohde


Mein Alter merke ich erst seitdem ich 85 bin. Da brauchte ich einen Herzschrittmacher.

Gearbeitert habe ich als Sängerin, später als Kindermädchen, dann als Hauswirtschaftsleiterin in einem Krankenhaus. Als ich über 70 war, begann meine Karriere als Schauspielerin. Ulrich Tukur hatte mich überredet bei der 'Dreigroschenoper' mitzuspielen.

Altersvorsorge - mit 30 oder 40 war mir das Thema egal. Und dann haben sich glückliche Umstände gefügt. Gesetzliche Rente, dann eine Betriebsrente, die Leibrente aus dem Verkauf des Hauses.

Den Ruhestand zu planen finde ich albern und nutzlos. Es kommt sowieso anders.

Das Motto meines Lebens: Ich freue mich, dass ich leben darf - auch wenn es immer wieder schwer war. Mit Krieg, Vertreibung, dem plötzlichen Tod meines Partners. Wenn ich vorher gewusst hätte, was auf mich zukommt, hätte ich gesagt: Das überstehe ich nicht. Aber dann konnte ich es eben doch. Daraus schöpfe ich immer wieder neue Kraft.

Geld ist mir unwichtig.

Mein Rat für Jüngere: Das Leben ist so bunt und so reich, sucht es nicht auf euren Smartphones.







Vom Glück des Nichtstuns · Der trendresistente Maler Manfred W. Jürgens


Ulrich Schnabel


Galerie der Müssiggänger/innen · Querdenker, Pausenkünstler und Abwesenheitsexperten | Blessing Verlag · Kurzer Auszug aus dem Buch musse


Ein-Bild-Ausstellungen, 1 Bild Ausstellungen, Manfred W. JürgensDas Gedränge ist gross vor der Kneipe Zum Silbersack auf St. Pauli. Um die Ecke stehen die ersten Huren, wenige Meter weiter ist die Reeperbahn, überall lärmende Nachtschwärmer, angetrunkene Jugendliche und verschämt schauende Touristen. Doch im Silbersack drängen sich die Menschen heute Abend nicht wegen der Mädchen, der Musik oder des Bieres, sondern weil Manfred W. Jürgens zur 1. Hamburger Ein-Bild-Ausstellung geladen hat.

Ganz hinten in der Ecke sitzt der Maler mit den roten Locken, schreibt seit Stunden Autogramme und strahlt übers ganze Gesicht. 'Unglaublich', ruft er durch das Stimmengewirr, 'so etwas habe ich noch in keiner Galerie erlebt, alle zwei Stunden ein neues Publikum.' Neben Jürgens hängt die Chefin an der Wand, die Wirtin Erna Thomsen, grossformatig in Öl und der echten Erna zum Verwechseln ähnlich. Denn Jürgens malt so akribisch und lebensecht wie weiland Albrecht Dürer oder Hans Holbein. "Sachlicher Realismus" nennt sich dieser Stil. Im hektischen Kunstbetrieb des 21. Jahrhunderts wirkt er etwas anachronistisch. Doch Jürgens ist das schnurz. 'Kürzlich meinte jemand, ich sei trendresistent', erzählt er lachend und wiederholt geniesserisch das Wort: 'Trendresistent – stimmt genau.'

Denn Jürgens malt nicht nur so detailgetreu wie die alten Meister, er nimmt sich auch ebenso viel Zeit. Mit unendlicher Geduld trägt er Schicht um Schicht der (selbst gemischten) Farben auf. Bis zu zwölf Stunden täglich sitzt er mit Pinsel und Malstock vor der Leinwand, Monate vergehen, bis ein Bild fertig ist. So zu malen sei eigentlich "eine Frechheit dem Leben gegenüber" sagt Jürgens mit fröhlicher Selbstironie. Doch seine Frau Barbara, eine Bauingenieurin, unterstützt ihn finanziell nach Kräften. Und so darf der Maler nur auf die eigene Stimme hören. 'Ich hoffe, nie in eine Situation zu kommen, um wegen des Marktes meinen Stil ändern zu müssen.' Auch mit seinem Konzept der Ein-Bild-Ausstellung fällt Jürgens aus dem Zeitgeist. Sein Gemälde der Kuh Soraia präsentierte er auf einer Alp in der Schweiz. Zur Enthüllung auf 1900 Metern kamen Kunstfreunde aus aller Welt, Alpbauern und das Modell selbst. Als Jürgens die Kuh mit ihrem lebensgrossen Portrait konfrontierte, trottete diese auf die Leinwand zu und gab ihrem eigenen Abbild einen herzhaften Kuss. Wer bei diesem berührenden Event dabei war, erzählt noch heute davon.

Wie anders wirkt Kunst dagegen in einer Galerie. Kürzlich sei er im Louvre in Paris gewesen, erzählt Jürgens und verzieht das Gesicht. "Schrecklich! Man steht in der berühmtesten Gemäldesammlung der Welt und die Leute nehmen sich überhaupt keine Zeit. Sie hetzen da durch, lassen sich schnell neben der Mona Lisa fotografieren und schauen sie sich nicht einmal an". Geradezu deprimierend sei das gewesen. Mit dieser Art von hektischem Kunstgenuss will er nichts zu tun haben.

Bei Jürgens´ Aktionen dagegen wird niemand mit Eindrücken überfrachtet. 'So viele entspannte Gesichter wie heute Abend habe ich noch nie vor einem Gemälde gesehen', sagt Jürgens und zeigt auf die fröhliche Menge im Silbersack. 'Die Leute nehmen sich Zeit zum Schauen, man redet mit einander, niemand ist im Stress, weil er meint, auch noch alle anderen Bilder sehen zu müssen.' Dass die 86-jährige Wirtin Erna Thomsen persönlich anwesend ist und man beim Bier mit dem Hamburger Original ins Gespraech über Kunst und Kneipengeschäft kommen kann, erhöht natuerlich den Charme des Abends. Denn Jürgens hat ein Auge für die unscheinbaren Helden des Alltags, und er malt stets nur Menschen, die ihm persoenlich etwas bedeuten. 'Fieslinge und Selbstüberschätzer' lasse er nicht auf seine Leinwand, sagt er, für die übrigen nimmt er sich jede Menge Zeit.

So geht es nie nur um Kunst bei seinen Ausstellungen, sondern immer auch um Begegnungen. Und weil Jürgens schon alle möglichen Typen gemalt hat – Grufties, Prostituierte, Schauspieler, Journalisten – und diese auch gerne immer wieder seinen Einladungen folgen, trifft man kaum irgendwo auf ein bunteres Publikum. Der Abend im Silbersack jedenfalls wird noch lang und hinterlässt bei vielen Gästen mehr Erinnerungen als so mancher Besuch in der Kunsthalle. Gut möglich, dass der trendresistente Maler damit einen neuen Trend setzt.


Mit freundlicher Genehmigung des Blessing Verlags | www.randomhouse.de





In der Werbung ist die Kuh meist lila


Manfred W. Jürgens


Manfred W. Jürgens, Realistische Malerei, Neue Kunst, Zeitgenössische Sachlichkeit In der Werbung ist die Kuh meist lila, auf unserem aktuellen Titel beige und braun wie zartschmelzende Vollmilchschokolade, außerdem hat sie eine fesche Locke über der Stirn. Die Kuh heißt Soraia und wurde von dem Maler und Fotografen Manfred W. Jürgens auf der Alp Wispile in der Schweiz porträtiert. Wie es dazu kam, erfahren Sie in der nachfolgenden Geschichte, aufgeschrieben vom Künstler persönlich.

Auf einer Ausstellungseröffnung meines Hamburger Malerfreundes Karmers lernte ich Rotwein trinkend den Schweizer ZEITRedakteur Urs Willmann kennen. Natürlich unterhielten wir uns über Kühe und leckeren Schweizer Hochgebirgskäse. Und da wir beide in unseren früheren Leben zeitweilig Kühe hüteten, der eine in den Bergen und der andere an der See, hatten wir etwas Gemeinsames. So kamen wir auf seinen Surf-Tipp: www.kuhleasing.ch. Bisher verbrachte ich meinen Urlaub an Küsten, Flüssen und in den Kulturmetropolen dieser Welt. Ein Interesse für Berge existierte nicht in mir. Dann aber sah ich nach Willmanns Tipp im Netz die Leasing-Kuh mit dem Namen der Prinzessin. Nur ein Buchstabe war falsch geschrieben. Andere Länder andere Buchstaben.

Selbstbewusst sah das Alpha-Tier von der Website an mir und meiner Frau vorbei. Stattlich war sie und auch alt. Sehr alt. Und mein Gedanke war: 'Pass bloß auf dich auf. Bitte lass dich nicht schlachten. Ich werde dich malen!' Seit Jahren wünschte sich meine Frau Urlaub in den Bergen. Nun hatte sie mich. Ich wollte diese stolze Kuh malen. Also fuhren wir in die Schweiz nach Gstaad.

Dort machen Roger Moore und Liz Taylor Urlaub, und früher war auch Michael Jackson dort unterwegs. Aber meine Prinzessin wohnte oben auf der Alp Wispile, eine halbe Stunde Seilbahn entfernt. Dann der fast einstündige Fußmarsch auf dem Bergrücken durch Nebel und Dunst. Es regnete. Eine einsame Hütte in der Höhe von 1.835 Meter tauchte im Nebel auf. Hier sollte mein Urlaub stattfinden? Meine Stimmung lag zwischen den Kuhfladen am Boden.

Das änderte sich schlagartig, als wir durchnässt die Alphütte betraten und von der Bauernfamilie herzlich in Empfang genommen wurden. Manchmal übertrifft die Realität jede Vorstellung. Wir fielen durch die Zeit und kamen im Erbauungsjahr der Hütte an – 1737. Der 400 Liter fassende Kupferkessel auf dem Feuer ist vitales Herz und Mittelpunkt der Hütte und trägt stolz die Prägung 1881. Er würde dem Gallier Miraculix gefallen.

Nescafé, Hobelkäse und erste Sprachversuche. Zwischen dem norddeutschen Platt und dem Dialekt des Berner Oberlandes liegen einige Welten. Nach drei Tagen verstanden wir das erste Wort im Gespräch der Familie: Fffliege

Die Sonne verwehte noch am ersten Abend den trüben grauen Nebel, und wir standen plötzlich über den Wolken auf einem der schönsten Dächer der Welt. Am nächsten Morgen wurden wir gefragt: 'Wie bitte? Eine Woche wollt Ihr bleiben? Gern, Rotwein ist da, aber im Schnitt übernachten die Leut eine Nacht im Stroh, und dann geht es weiter. Es wird ihnen schnell langweilig. Hier haben die Leute nur sich, die Natur und das Getier. Das ist den modernen Menschen zu wenig.' Strom liefert wenige Stunden täglich der Diesel-Generator für die Melkmaschine und zum Aufladen der Mobiltelefone. Am Abend gibt es nur die Petroleumlampe, das Kartenspiel, das Gespräch und den Schlaf.

Der Hefti Hans wurde vor 43 Jahren auf der Alp geboren. Sie, Sennerin Ruth, kommt von der Nachbaralp und wollte nie einen Bauern heiraten. Erst recht keinen aus der Nachbarschaft. Aber sie trafen sich halt, arbeiten viel, sind glücklich und immer noch verliebt. Die Zusennerin Margit hilft den beiden auf der Alp, außerdem der zwanzigjährige Neffe Michael und während der Schulferien der vierzehnjährige Sohn Lorenz und der neunjährige Sohn Oliver. Die siebzehnjährige Tochter Linda macht eine Lehre als Verkäuferin im Tal und kommt nur an den freien Tagen auf den Berg. Habe ich je so zufriedene Gesichter gesehen?

Den Talbetrieb haben die Brüder Hans und Robert vom Vater übernommen. Während Hans und Ruth in den Sommermonaten die Sennerei auf Voralp und Alp betreiben, bleibt die Familie des Bruders im Tal und kümmert sich um die Heuernte. Ganz allein von der Landwirtschaft können die Familien nicht leben. Nebenbei müssen sich die Brüder noch in der Forst und auf dem Bau verdingen, doch dass sie mit neunzehn Milchkühen und zehn Rindern den Hauptanteil zum Unterhalt beider Familien erwirtschaften können, ist für deutsche Verhältnisse undenkbar.

Nach einer Woche Kuhglocken, Schwizerdütsch und Panoramablick holte uns Hans doch noch einmal aus unserer seligen Ruhe: 'Den Käse könnt Ihr wirklich nicht mitnehmen. Das geht nicht. Der muss reifen. Wenigstens ein Jahr.' Und so wurde uns klar, dass solch ein Kuhleasing nicht mit nur einem Alpsommer zu haben ist. Aus 800 digitalen Kuh-Fotos und zahlreichen Zeichnungen entstand im Norden über Winter und Frühjahr das Bergtier auf einer Holztafel in alter Technik und Überlebensgröße.

Beim Malen dachte ich: Schade, dass Soraia das gemalte Bild nicht sehen kann, denn auf eine aufwendige große Ausstellung hatte ich keine Lust. Aber dann entstand die Idee meiner ersten Ein-Bild-Ausstellung. Die Zutaten: Ein Schweizer Berg, ein alter Stall, eine Kuh namens Soraia und ein Maler mit Tafelbild.

Ich rief in der Schweiz an: 'Hans, ich habe deine Kuh gemalt. Sie ist wunderschön. Soraia muss das Bild unbedingt sehen! Wir möchten bei Dir auf der Alp eine Ausstellung machen.' Je 1 000 Poster und Postkarten wurden gedruckt. Der Schweizer Tourismusverband in Gstaad und Bern war so freundlich und verteilte die werbende Maler-Lieferung.

Im Film 'Die fabelhafte Welt der Amélie' bekommt Amélies Vater Fotos von seinem reisenden Gartenzwerg zugesandt. Welch eine schöne Idee. So zeigten auch wir dem Bild unterschiedliche Orte und fotografierten es.

Die schönste Begegnung auf dem Weg zur Kuh fand im Nürnberger Albrecht-Dürer-Haus statt. Da ich seit meinem fünften Lebensjahr Dürer-Fan bin, wollte ich der Kuh unbedingt dessen Wohnhaus zeigen. Um die Erinnerung an ihn lebendig zu halten, wechseln sich dort richtige Schauspielerinnen dabei ab, als Dürers Frau Agnes durch das Haus zu führen und über die Geschichte des Malers und die Befindlichkeit seiner Zeit zu berichten.

Wir hatten Glück, unsere Agnes war klug und charmant, und als sie an unsere Bildtafel trat, sagte sie: 'Oh, wie schön. Diese Bildtafel sollte mein Mann sehen. Sie wird ihm gefallen!' Doch der Malerfürst war nicht daheim, dabei hätte ich mich so gern mit ihm über seinen Hasen unterhalten. ‣ Hier ist Soraia unterwegs zu sehen.

Endlich wieder auf der Alp. Es riecht wohltuend nach Kräutern, Hummeln summen, die Sonne bescheint das Paradies. Es ist sehr leise. Die Kühe schlafen am Tag und fressen in der Nacht. So werden sie weniger von den Fliegen geplagt.

Wie großartig es ist, diese Menschen wieder zu sehen! Nach dem Lesen unserer Presseerklärung, die wir in der Schweiz verteilt hatten, war Hans verunsichert: 'Was müssen wir denn da so machen bei so einer Ausstellung?' 'Nichts. Vielleicht Milch und Käse an die Gäste verkaufen.' 'Dann ist es gut.'

Beim abendlichen Wein sinniert er: 'Sag mal, Manfred, kann es sein, dass Du in Deinem Maler-Beruf genau so frei bist wie ich hier auf der Alp?' Unsere umfassende Werbung hatten wir oben auf der Alp schon fast vergessen. Genauso vergaßen wir, dass dort unten im Tal die Welt Urlaub macht und dass in allen Hotelzimmern seit Tagen unsere Kuhpostkarten lagen.

Der Tag erwachte. Wir frühstückten in der Sonne. Die Frage des Morgens: Wer wird in dieser Hitze eine halbe Stunde Seilbahn fahren und dann, je nach Alter und Fitness, auch noch dreißig bis sechzig Minuten zu einem einzigen Bild vor einem Stall auf diesen Berg wandern?

Doch dann kamen sie. Zuerst Franzosen, dann Schweizer, Amerikaner, Engländer, Deutsche, Japaner, Italiener, Holländer. Zwei Tage lang. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Maler und Modell waren anwesend in einer überraschend internationalen Ausstellung. Nicht nur Kunst und Malerei-Liebhaber kamen, sondern auch vermögende Viehhändler und erfahrene Viehzüchter, die einzig Kuhbilder sammeln.

Wir hätten das Bild vielfach verkaufen können. Aber nein, es möchte auch zukünftig in unserer Wohnung hängen. Eine Prinzessin verkauft man nicht.

Von einer Kunsthistorikerin wurde ich auf das Ölbild von ‣ Mark Tansey 'The Innocent Eye Test' aus dem Jahr 1981 aufmerksam gemacht, das im Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York ist und ironischen Blick auf die Kunst und ihre Kritiker wirft. Zur Erinnerung stellten wir das Tansey-Werk auf der Alp frei nach.

Nach einer Woche eines spannenden und entspannenden Alpurlaubs Umarmungen, Tränen und das Versprechen, sich wieder zu sehen. Und zum Abschied Hans' Worte: 'Ach ja, weißt Du Manfred, Dich wird nach Deinem Tod keine Sau als Maler kennen, aber meine Soraia, die wird uralt und weltberühmt.'


Manfred W. Jürgens
Manfred W. Jürgens wurde in Grevesmühlen, Mecklenburg geboren. Erste Malversuche unternahm er 1959, absolvierte dann aber zwischen 1973 und 1975 eine Lehre als Vollmatrose. Von 1986 bis 1989 studierte er in Berlin Kommunikationsdesign und lebt als freischaffender Maler und Fotograf in Hamburg
Titelportrait: Malerei von Manfred W. Jürgens · Grafische Gestaltung: Oliver Reblin
Mit freundlicher Genehmigung | Berliner Jounalisten · Magazine 2/2010