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Manfred Paul im Gespräch mit Friedrich Loock

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Manfred Paul · Fotograf

Von Bettina Lehnert


Erinnerungen

Christian Hückstädt zum Loock-Interview mit Manfred Paul | Berlin, 21.5.2021


Vielen Dank für das Teilen dieses Gesprächs. Es hat mich berührt. Und vieles höre ich zum ersten Mal. Ich kenne und erinnere Manfred Paul vor allem als Lehrer, als Dozent für Fotografie an der Fachschule für Werbung und Gestaltung in Berlin Schöneweide.

Wenn mich Leute nach meinem Studium fragen, ich studierte dort Grafikdesign von 1986 bis 90, sage ich in etwa immer dasselbe. Zum Beispiel: Wir hatten damals das große Glück, dass unsere Dozenten sich alle sehr gut verstanden und zusammen eine Art Lehre entwickelten, die sich an den Ideen des Bauhauses orientierte.

Wichtiger für uns war aber, dass sie auch eine gemeinsame Sprache gefunden hatten. Eine Art Alphabet oder Grundbegriffe, um genau beschreiben und sich verständigen zu können, wann und warum ein Bild, eine Gestaltung funktioniert. Ich glaube heute, für viele von uns jungen Menschen, war es das erste Mal, dass wir von Lehrern als Menschen vollkommen ernst genommen wurden, dass uns Erwachsene mit größter Offenheit entgegentraten.

Manfred Paul, so erinnere ich es, war darin besonders konsequent. Ich will das an einem Beispiel erläutern. Wenn ich es richtig erinnere, war es mein erster Unterrichtstag mit Paul oder 'Paule', wie wir ihn später unter uns oft nannten. Wir hatten, wie verlangt, alle eine Schwarzweiß Kleinbildkamera dabei, eine Exa oder sogar eine Praktika. Und wir sollten unsere ersten Fotos im Fach Fotografie machen. Paul schickte uns ohne Vorgaben los. Wir sollten im Schulgebäude fotografieren. Das war und ist ein imposanter Backsteinbau vom Anfang des 20. Jahrhunderts mit riesigen Fenstern und breiten Fluren. Ich glaube er hat uns schon damals, wie später noch viele Male, gesagt, ihm wäre egal was wir fotografieren, auf die Haltung käme es ihm an. Wir sollten ein Thema finden, an dem wir uns eine Weile abarbeiten können. Ob wir nun sich bewegende Füsse unscharf knipsen oder steinerne Treppenstufen, wäre egal. Hauptsache wir träfen eine Entscheidung.

Ich war damals ziemlich introvertiert. Instinktiv zog ich mich aufs Männerklo zurück, wo ich mich allein wußte. Wie alles in dieser Schule war auch das ein vergleichsweise großer Raum. DDR typisch waren die Fenster unten mit weisser Farbe lieblos zugepinselt. Es war ein sonniger Herbstnachmittag und das milchig gebrochene Licht schien die Reihe der Porzellan-Pissoirs mit ihren Schlagschatten in etwas Wertvolles zu verwandeln. Ich fotografierte sie streng geometrisch. Von Marcel Duchamp und seiner Fontäne erfuhr ich erst Monate später in den tollen Diavorträgen von unserer Design Dozentin Frau Dr. Jelena Jamaikina. Etwas später präsentierten wir unsere Fotos, wie immer am großen Tisch, an dem wir zuvor noch mit Paule gefrühstückt hatten. Paul war begeistert von meinen Pissoirs und regte mich an, daraus eine ganze Serie zu machen. Ich war überrascht und ein bisschen skeptisch. Meine erste Assoziation dazu war, dass mir rüde Proletarier Prügel anbieten würden bei meinem Versuch, in öffentlichen Toiletten zu fotografieren.

Was Paul am ersten Tag angekündigt hat, tat er auch. Er hat uns immer ermutigt, einem Thema, wie schräg es auch war, nachzugehen. Ich weiss nicht, ob es in anderen Klassen auch so war. Wir jedenfalls waren binnen eines Jahres so gut wie alle zu manischen Fotografen geworden. Wir machten eigentlich immer und überall Fotos, nicht zuletzt von uns. Irgendwie etablierte sich unter uns bald ein liebevoller Brauch. Es wurde, ohne das jemand darüber gesprochen hätte, üblich einem Mitstudenten Abzüge derjenigen eigenen Fotografien zu schenken, auf denen die oder der Beschenkte zu sehen war.

Zu den Sätzen, die ich über mein Studium und speziell Manfred Pauls Unterricht erzähle, gehört auch dieser: Mit am meisten habe ich gelernt in den Stunden, in denen Manfred Paul uns seine kostbaren Foto Bildbände vorblätterte. Wir schrieben die späten 80er Jahre in der DDR. So etwas wie Bildbände über Fotografie gab es praktisch nicht. Ich kaufte mir damals oft die Modezeischrift 'Sybille' nur wegen der guten Fotografien darin. Wie beschreibe ich das Ritual des Bücherzeigens am besten? Ich glaube, es war die Art wie Paul über die Dinge sprach, der große Ernst, die tiefe Leidenschaft und Begeisterung für Fotografie, aber nicht nur für diese. Die wertvollen West-Fotobände öffnete er wie Jahrhunderte alte Reliquienschreine. Mit äusserster Vorsicht blätterte er uns seine Schätze vor, zeigte hier und da auf Details oder deckte Teile ab, nur um uns zu zeigen, wie elementar sie für den Bildaufbau waren. Hier ein Spitzlicht, seht mal dieses Schwarz, diese Bildspannung! Vielleicht hingen wir ein bisschen unkritisch an seinen Lippen. Glauben hatten wir gelernt in der DDR. Aber ich denke, wir haben in diesen Prozessen, in denen wir immer wieder über Bilder - unsere eigenen und die der Alten - sprachen, unglaublich viel gelernt. Manches wiederholte sich.

Paul bestand immer darauf, dass wir uns auf das Thema eines Fotos konzentrieren und alles Überflüssige weglassen. Das fand Ausdruck darin, dass er ein ums andere Mal mit zwei rechteckigen Papierwinkeln, notfalls mit den Händen, alles Unnötige auf unseren Fotos abdeckte. Unaufhaltsam schoben sich die Winkel von aussen nach innen. Und dann sagte Paul irgendwann unnachahmlich, konzentriert in etwa: 'DAS IST ES DOCH, DAS IST DAS BILD!'. Diesen, für uns bald ikonischen Satz haben wir Studenten später oft nachgespielt und in noch jugendlicher Übertreibung persifliert.

Als ich den Satz viele Jahre später einem Fremden auf einem Picknick vorspielte, der sich zufällig auch als FWG Student herausgestellt hatte, brach dieser in schallendes Gelächter aus. Ein Wort, dass Manfred Paul, Bodo Müller, Wulff Sailer und wie unsere Dozenten alle hiessen oft verwendeten war HALTUNG. Sinngemäss sagte Paul uns oft: 'Du brauchst eine Haltung, sonst gehst du kaputt!'.

Ich erinnere diese Stunden, in denen wir zusammen mit Manfred Paul an dem großen Tisch saßen, Tee tranken und über Bilder, Gesellschaft und das Leben redeten, als beglückend und prägend. Ein Glücksfall in diesem kleinen und oft zu engem Land.

Gruss und Danke Christian


Fotos © MWJ

Wir

Dambeck 1988



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