Texte

Realistische Malerei, Neue Kunst, Zeitgenössische Sachlichkeit, Manfred W. Jürgens
Helmut Schmidt im 95. Lebensjahr, 2012/13, Lasurtechnik auf Leinwand auf Holz, 1,34 x 0,87 m | Ausschnitt

‣ Meine Bilder brauchen wir nicht zu diskutieren, die sehen wir doch

Otto Dix

1958

‣ Der ewige Moment - Realistisch malen, weil es die Fotografie gibt

Dieter Asmus

2002

‣ Vom Glück des Nichtstuns

Ulrich Schnabel

2011

‣ Und das ist Kunst?! | Externer Link

Hanno Rauterberg

2007

‣ Das könnte von Rubens sein | Externer Link

Ulrich Greiner | Die Zeit

2014

‣ In der Werbung ist die Kuh meist lila

Manfred W. Jürgens

2010

Meine Bilder brauchen wir nicht zu diskutieren, die sehen wir doch

Otto Dix


Otto Dix Ich gehe vom Geschauten aus. Ich will keine neuen Themen erfinden, nicht arrangieren, wie zum Beispiel Salvadore Dali. Am liebsten sehe ich die Urthemen der Menschheit mit meinen eigenen Augen neu ... Kunst entzieht sich jeder Definition. Lange Zeit ist man ein leerer Topf, dann wächst etwas, was man gar nicht will. Es schleicht sich etwas ein, was man eigentlich gar nicht kann. Der Gott Zufall schafft in uns.

Ganz entschieden wende ich mich gegen das Dogma in der Kunst. Die Kunst ist nun einmal keine Wissenschaft und steht unter keinem faßlichen Gesetz. Der Maler muß von der lebenden Erscheinung ausgehen. Er ist dazu da, die Welt zu formen und den Menschen zu zeigen, daß sie nicht vom Brot allein leben können. Ich bin gegen die Gegenstandslosen, die mit dem Besen malen, mit der Armbrust die Leinwand beschießen und farbige Soßen herunterlaufen lassen. Die Erfolge sind Bilder, die man kilometerweise fortsetzen könnte. Die Erfindung bleibt winzig und eignet sich höchstens für Tapeten und Damenröcke. Man hat mich konservativ genannt. Vielleicht bin ich das auch, jedenfalls bin ich primitiv und volkstümlich. Ich brauche die Verbindung zur sinnlichen Welt, den Mut zur Häßlichkeit, das Leben ohne Verdünnung ...

Nein, Künstler sollen nicht bessern und bekehren. Sie sind viel zu gering. Nur bezeugen müssen sie. Die Gnade ist außerhalb der menschlichen Verfügungsgewalt, aber auf die Gnade kommt es an. Das Bemühen um die Kunst erfordert viel Geduld. Lange war ich ein Nichts (Dix schreit es fast heraus), doch plötzlich kann man ein 'Etwas' werden. Ich habe noch nie soviel geredet. Ich war heute ein Glücksfall.


Der Text ist ein Auszug aus dem Artikel: Kunst im Wartezimmer - Gespräch um eine Otto-Dix-Ausstellung im Haus eines Arztes
Untertitel: Dix-Gemälde auf der Brüssler Weltausstellung: Meine Eltern
Mit freundlicher Genehmigung des Südkurier
Südkurier Singen, 21.05.1958 | www.suedkurier.de

Der ewige Moment · Realistisch malen, weil es die Fotografie gibt

Dieter Asmus


Dieter Asmus Als Kind hielt ich Fotos für Zauberei - kein Wunder, dass ich über die Fotografie zur Malerei gekommen bin. Mein erstes Bildmedium waren also die üppigen und übrigens sehr scharfen '6 x 9'-Negative der berüchtigten "Agfa-Box", die es für vier Mark zu kaufen gab. Sie hatte einen Fixfokus ohne Parallaxenausgleich, was oft dazu führte, dass die 'geknipsten' Personen entweder elend weit weg und nahezu unidentifizierbar im Hintergrund rumstanden oder vom Bildrand (Manets 'Nana' lässt grüßen) hochkant halbiert oder gar enthauptet wurden! Was mich zunächst zur Raserei brachte, erwies sich im Laufe der Zeit als wahrer Segen, denn diese 'Fehler' der Fotografie (rasante Perspektive, Anschnitt) führten, wenn auch anfangs ungewollt, zu einer enormen Steigerung des Ausdrucks: Der erste Schritt vom Abbild zum Bild - und damit zum gezielten Einsatz der Bildmittel - war getan.

'Was ich fotografieren kann, brauche ich nicht zu malen.' Dieser reichlich voreilig aus der Hüfte abgeschossene Satz von Oskar Schlemmer hat wahrscheinlich mehr kulturgeschichtlichen Schaden angerichtet als der letzte Bildersturm. Klingt süffig, hört sich schlüssig an, ist aber dennoch höherer Blödsinn. Ein schiefer Antagonismus, denn das Foto muss, sozusagen von Natur aus, gegenständlich abbilden, die Malerei ist aber nicht von Natur aus abstrakt (das Jahrhundertmissverständnis). Die Fotografie bildet aufgrund ihrer physikalisch-chemischen Eigenschaften Helldunkel-Reize ab, die Malerei kann Dinge wie eine Architektur konstruktiv-funktional neu herstellen. Die bisher unerreichte Stärke des Fotos ist das Dokument, die Stärke der Malerei, ob den Dingen verpflichtet oder nicht, ist die Vision. Das Foto kann sehr viel, die Malerei kann fast alles: Schleich dich, Schlemmer!

Interessant für die Kunst wird es da, wo beide Medien sich überschneiden, wo sie voneinander lernen und profitieren können. Zum Beispiel: Ein Vogel schießt am Fenster vorbei - wie das in allen Einzelheiten wirklich aussieht, darüber gibt nur die Zeitlupe beziehungsweise die Schnellschusskamera (Stichwort: 'Kurzzeitbelichtung') Auskunft, weil die Bewegung viel zu rasant für unser Auge und Gehirn ist. Oder: Wir wissen zwar, dass der Kopf eines Menschen nicht wesentlich kleiner sein sollte als seine Füße. Der in der Hängematte liegende Großvater, von den Beinen her fotografiert, belehrt uns aber, dass die optische Perspektivflucht einen Kopf unter Umständen auf ein Zehntel dessen schrumpfen lässt, was wir zu sehen meinen ('Weitwinkel'). Selbstverständlich kennen wir die Farbe der Teetassen, die wir benutzen, des Tischtuchs, der Möbel - bei normalem Lampenlicht aufgenommen, zeigt das Foto allerdings, dass alle Dinge in 'Wirklichkeit' hoffnungslos schwefelgelb aussehen ('Farbstichigkeit')!

Soweit die Fotografie, aber was habe ich als Maler davon? Das Komische ist ja, dass uns das Foto in der Zeitung oder im Fernsehen nicht bewusst wird. Wir nehmen es praktisch, als Erlebnisersatz, Andenken, Gedankenstütze, aber nicht als ästhetische Figur. Erst die Übersetzung ins 'Kunst'-Medium Gemälde - mit deutlichen Stilisierungen in Richtung Ausdruck - schafft diese ominöse Ordnung, die für unser Gemüt fassbar und für unsere Zeit angemessen ist: ohne Form keine Mitteilung. Während das Foto den fliegenden Vogel in einer tausendstel Sekunde einfriert, jede einzelne Feder ein für alle Mal in scheinbar abartiger Bewegung fixiert, mumifiziert, stellt das Bild ihn unter Weglassen aller Zufälligkeiten exemplarisch her. Durch Isolierung und ausdrückliche Negation der Bewegung wird diese umso deutlicher spürbar. So gesehen male ich realistisch nicht obwohl, sondern weil es die Fotografie gibt.

An dieser Stelle sei der Fotografie, die mir ja künstlerisch aufs Pferd geholfen hat, einmal gedankt! Die mechanischen Bildmedien (Foto, Film, TV, Video) haben unser gegenständliches Weltbild nachhaltig umgekrempelt, unser optisches Sensorium entschieden verlängert und erweitert und so ungeahnte Anblicke ermöglicht. Neue Anblicke der angeblich so altbekannten Dinge aber reizen Künstler besonders und als erste. Mit Hilfe der Fotografie sind wir Maler jenseits der Moderne rausgekommen und weit über sie hinausgelangt. Wir können jetzt einen sehr anders gearteten Blick auf die erfrischte Gegenstandswelt werfen - und formulieren! Auf einem ganz anderen Blatt steht, was die Fotografie, von ihrer Erfindung bis heute, der Malerei verdankt.

Dieter Asmus, Jahrgang 1939, ist Maler und Mitbegründer der Gruppe Zebra
Mit freundlicher Genehmigung · Kunstzeitung, Nr. 68, April 2002

Vom Glück des Nichtstuns · Der trendresistente Maler Manfred W. Jürgens

Ulrich Schnabel

Galerie der Müssiggänger/innen · Querdenker, Pausenkünstler und Abwesenheitsexperten | Blessing Verlag · Kurzer Auszug aus dem Buch musse


Ein-Bild-Ausstellungen, 1 Bild Ausstellungen, Manfred W. JürgensDas Gedränge ist gross vor der Kneipe Zum Silbersack auf St. Pauli. Um die Ecke stehen die ersten Huren, wenige Meter weiter ist die Reeperbahn, überall lärmende Nachtschwärmer, angetrunkene Jugendliche und verschämt schauende Touristen. Doch im Silbersack drängen sich die Menschen heute Abend nicht wegen der Mädchen, der Musik oder des Bieres, sondern weil Manfred W. Jürgens zur 1. Hamburger Ein-Bild-Ausstellung geladen hat.

Ganz hinten in der Ecke sitzt der Maler mit den roten Locken, schreibt seit Stunden Autogramme und strahlt übers ganze Gesicht. 'Unglaublich', ruft er durch das Stimmengewirr, 'so etwas habe ich noch in keiner Galerie erlebt, alle zwei Stunden ein neues Publikum.' Neben Jürgens hängt die Chefin an der Wand, die Wirtin Erna Thomsen, grossformatig in Öl und der echten Erna zum Verwechseln ähnlich. Denn Jürgens malt so akribisch und lebensecht wie weiland Albrecht Dürer oder Hans Holbein. "Sachlicher Realismus" nennt sich dieser Stil. Im hektischen Kunstbetrieb des 21. Jahrhunderts wirkt er etwas anachronistisch. Doch Jürgens ist das schnurz. 'Kürzlich meinte jemand, ich sei trendresistent', erzählt er lachend und wiederholt geniesserisch das Wort: 'Trendresistent – stimmt genau.'

Denn Jürgens malt nicht nur so detailgetreu wie die alten Meister, er nimmt sich auch ebenso viel Zeit. Mit unendlicher Geduld trägt er Schicht um Schicht der (selbst gemischten) Farben auf. Bis zu zwölf Stunden täglich sitzt er mit Pinsel und Malstock vor der Leinwand, Monate vergehen, bis ein Bild fertig ist. So zu malen sei eigentlich "eine Frechheit dem Leben gegenüber" sagt Jürgens mit fröhlicher Selbstironie. Doch seine Frau Baerbel, eine Bauingenieurin, unterstützt ihn finanziell nach Kräften. Und so darf der Maler nur auf die eigene Stimme hören. 'Ich hoffe, nie in eine Situation zu kommen, um wegen des Marktes meinen Stil ändern zu müssen.' Auch mit seinem Konzept der Ein-Bild-Ausstellung fällt Jürgens aus dem Zeitgeist. Sein Gemälde der Kuh Soraia präsentierte er auf einer Alp in der Schweiz. Zur Enthüllung auf 1900 Metern kamen Kunstfreunde aus aller Welt, Alpbauern und das Modell selbst. Als Jürgens die Kuh mit ihrem lebensgrossen Portrait konfrontierte, trottete diese auf die Leinwand zu und gab ihrem eigenen Abbild einen herzhaften Kuss. Wer bei diesem berührenden Event dabei war, erzählt noch heute davon.

Wie anders wirkt Kunst dagegen in einer Galerie. Kürzlich sei er im Louvre in Paris gewesen, erzählt Jürgens und verzieht das Gesicht. "Schrecklich! Man steht in der berühmtesten Gemäldesammlung der Welt und die Leute nehmen sich überhaupt keine Zeit. Sie hetzen da durch, lassen sich schnell neben der Mona Lisa fotografieren und schauen sie sich nicht einmal an". Geradezu deprimierend sei das gewesen. Mit dieser Art von hektischem Kunstgenuss will er nichts zu tun haben.

Bei Jürgens´ Aktionen dagegen wird niemand mit Eindrücken überfrachtet. 'So viele entspannte Gesichter wie heute Abend habe ich noch nie vor einem Gemälde gesehen', sagt Jürgens und zeigt auf die fröhliche Menge im Silbersack. 'Die Leute nehmen sich Zeit zum Schauen, man redet mit einander, niemand ist im Stress, weil er meint, auch noch alle anderen Bilder sehen zu müssen.' Dass die 86-jährige Wirtin Erna Thomsen persönlich anwesend ist und man beim Bier mit dem Hamburger Original ins Gespraech über Kunst und Kneipengeschäft kommen kann, erhöht natuerlich den Charme des Abends. Denn Jürgens hat ein Auge für die unscheinbaren Helden des Alltags, und er malt stets nur Menschen, die ihm persoenlich etwas bedeuten. 'Fieslinge und Selbstüberschätzer' lasse er nicht auf seine Leinwand, sagt er, für die übrigen nimmt er sich jede Menge Zeit.

So geht es nie nur um Kunst bei seinen Ausstellungen, sondern immer auch um Begegnungen. Und weil Jürgens schon alle möglichen Typen gemalt hat – Grufties, Prostituierte, Schauspieler, Journalisten – und diese auch gerne immer wieder seinen Einladungen folgen, trifft man kaum irgendwo auf ein bunteres Publikum. Der Abend im Silbersack jedenfalls wird noch lang und hinterlässt bei vielen Gästen mehr Erinnerungen als so mancher Besuch in der Kunsthalle. Gut möglich, dass der trendresistente Maler damit einen neuen Trend setzt.

Mit freundlicher Genehmigung des Blessing Verlags | www.randomhouse.de

In der Werbung ist die Kuh meist lila

Manfred W. Jürgens


Manfred W. Jürgens, Realistische Malerei, Neue Kunst, Zeitgenössische Sachlichkeit In der Werbung ist die Kuh meist lila, auf unserem aktuellen Titel beige und braun wie artschmelzede Vollmilchschokolade, außerdem hat sie eine fesche Locke über der Stirn. Die Kuh heißt Soraia und wurde von dem Maler und Fotografen Manfred W. Jürgens auf der Alp Wispile in der Schweiz porträtiert. Wie es dazu kam, erfahren Sie in der nachfolgenden Geschichte, aufgeschrieben vom Künstler persönlich.

Auf einer Ausstellungseröffnung meines Hamburger Malerfreundes Karmers lernte ich Rotwein trinkend den Schweizer ZEITRedakteur Urs Willmann kennen. Natürlich unterhielten wir uns über Kühe und leckeren Schweizer Hochgebirgskäse. Und da wir beide in unseren früheren Leben zeitweilig Kühe hüteten, der eine in den Bergen und der andere an der See, hatten wir etwas Gemeinsames. So kamen wir auf seinen Surf-Tipp: www.kuhleasing.ch Und für den Heimweg gab er mir zum besseren Verständnis diesen Beitrag mit. Bisher verbrachte ich meinen Urlaub an Küsten, Flüssen und in den Kulturmetropolen dieser Welt. Ein Interesse für Berge existierte nicht in mir. Dann aber sah ich nach Willmanns Tipp im Netz die Leasing-Kuh mit dem Namen der Prinzessin. Nur ein Buchstabe war falsch geschrieben. Andere Länder andere Buchstaben.

Selbstbewusst sah das Alpha-Tier von der Website an mir und meiner Frau vorbei. Stattlich war sie und auch alt. Sehr alt. Und mein Gedanke war: 'Pass bloß auf dich auf. Bitte lass dich nicht schlachten. Ich werde dich malen!' Seit Jahren wünschte sich meine Frau Urlaub in den Bergen. Nun hatte sie mich. Ich wollte diese stolze Kuh malen. Also fuhren wir in die Schweiz nach Gstaad.

Dort machen Roger Moore und Liz Taylor Urlaub, und früher war auch Michael Jackson dort unterwegs. Aber meine Prinzessin wohnte oben auf der Alp Wispile, eine halbe Stunde Seilbahn entfernt. Dann der fast einstündige Fußmarsch auf dem Bergrücken durch Nebel und Dunst. Es regnete. Eine einsame Hütte in der Höhe von 1.835 Meter tauchte im Nebel auf. Hier sollte mein Urlaub stattfinden? Meine Stimmung lag zwischen den Kuhfladen am Boden.

Das änderte sich schlagartig, als wir durchnässt die Alphütte betraten und von der Bauernfamilie herzlich in Empfang genommen wurden. Manchmal übertrifft die Realität jede Vorstellung. Wir fielen durch die Zeit und kamen im Erbauungsjahr der Hütte an – 1737. Der 400 Liter fassende Kupferkessel auf dem Feuer ist vitales Herz und Mittelpunkt der Hütte und trägt stolz die Prägung 1881. Er würde dem Gallier Miraculix gefallen.

Nescafé, Hobelkäse und erste Sprachversuche. Zwischen dem norddeutschen Platt und dem Dialekt des Berner Oberlandes liegen einige Welten. Nach drei Tagen verstanden wir das erste Wort im Gespräch der Familie: Fffliege

Die Sonne verwehte noch am ersten Abend den trüben grauen Nebel, und wir standen plötzlich über den Wolken auf einem der schönsten Dächer der Welt. Am nächsten Morgen wurden wir gefragt: "Wie bitte? Eine Woche wollt Ihr bleiben? Gern, Rotwein ist da, aber im Schnitt übernachten die Leut eine Nacht im Stroh, und dann geht es weiter. Es wird ihnen schnell langweilig. Hier haben die Leute nur sich, die Natur und das Getier. Das ist den modernen Menschen zu wenig." Strom liefert wenige Stunden täglich der Diesel-Generator für die Melkmaschine und zum Aufladen der Mobiltelefone. Am Abend gibt es nur die Petroleumlampe, das Kartenspiel, das Gespräch und den Schlaf.

Der Hefti Hans wurde vor 43 Jahren auf der Alp geboren. Sie, Sennerin Ruth, kommt von der Nachbaralp und wollte nie einen Bauern heiraten. Erst recht keinen aus der Nachbarschaft. Aber sie trafen sich halt, arbeiten viel, sind glücklich und immer noch verliebt. Die Zusennerin Margit hilft den beiden auf der Alp, außerdem der zwanzigjährige Neffe Michael und während der Schulferien der vierzehnjährige Sohn Lorenz und der neunjährige Sohn Oliver. Die siebzehnjährige Tochter Linda macht eine Lehre als Verkäuferin im Tal und kommt nur an den freien Tagen auf den Berg. Habe ich je so zufriedene Gesichter gesehen?

Den Talbetrieb haben die Brüder Hans und Robert vom Vater übernommen. Während Hans und Ruth in den Sommermonaten die Sennerei auf Voralp und Alp betreiben, bleibt die Familie des Bruders im Tal und kümmert sich um die Heuernte. Ganz allein von der Landwirtschaft können die Familien nicht leben. Nebenbei müssen sich die Brüder noch in der Forst und auf dem Bau verdingen, doch dass sie mit neunzehn Milchkühen und zehn Rindern den Hauptanteil zum Unterhalt beider Familien erwirtschaften können, ist für deutsche Verhältnisse undenkbar.

Nach einer Woche Kuhglocken, Schwizerdütsch und Panoramablick holte uns Hans doch noch einmal aus unserer seligen Ruhe: "Den Käse könnt Ihr wirklich nicht mitnehmen. Das geht nicht. Der muss reifen. Wenigstens ein Jahr." Und so wurde uns klar, dass solch ein Kuhleasing nicht mit nur einem Alpsommer zu haben ist. Aus 800 digitalen Kuh-Fotos und zahlreichen Zeichnungen entstand im Norden über Winter und Frühjahr das Bergtier auf einer Holztafel in alter Technik und Überlebensgröße.

Beim Malen dachte ich: Schade, dass Soraia das gemalte Bild nicht sehen kann, denn auf eine aufwendige große Ausstellung hatte ich keine Lust. Aber dann entstand die Idee meiner ersten Ein-Bild-Ausstellung. Die Zutaten: Ein Schweizer Berg, ein alter Stall, eine Kuh namens Soraia und ein Maler mit Tafelbild.

Ich rief in der Schweiz an: 'Hans, ich habe deine Kuh gemalt. Sie ist wunderschön. Soraia muss das Bild unbedingt sehen! Wir möchten bei Dir auf der Alp eine Ausstellung machen.' Je 1 000 Poster und Postkarten wurden gedruckt. Der Schweizer Tourismusverband in Gstaad und Bern war so freundlich und verteilte die werbende Maler-Lieferung.

Im Film 'Die fabelhafte Welt der Amélie' bekommt Amélies Vater Fotos von seinem reisenden Gartenzwerg zugesandt. Welch eine schöne Idee. So zeigten auch wir dem Bild unterschiedliche Orte und fotografierten es.

Die schönste Begegnung auf dem Weg zur Kuh fand im Nürnberger Albrecht-Dürer-Haus statt. Da ich seit meinem fünften Lebensjahr Dürer-Fan bin, wollte ich der Kuh unbedingt dessen Wohnhaus zeigen. Um die Erinnerung an ihn lebendig zu halten, wechseln sich dort richtige Schauspielerinnen dabei ab, als Dürers Frau Agnes durch das Haus zu führen und über die Geschichte des Malers und die Befindlichkeit seiner Zeit zu berichten.

Wir hatten Glück, unsere Agnes war klug und charmant, und als sie an unsere Bildtafel trat, sagte sie: 'Oh, wie schön. Diese Bildtafel sollte mein Mann sehen. Sie wird ihm gefallen!' Doch der Malerfürst war nicht daheim, dabei hätte ich mich so gern mit ihm über seinen Hasen unterhalten. Hier ist Soraia unterwegs zu sehen.

Endlich wieder auf der Alp. Es riecht wohltuend nach Kräutern, Hummeln summen, die Sonne bescheint das Paradies. Es ist sehr leise. Die Kühe schlafen am Tag und fressen in der Nacht. So werden sie weniger von den Fliegen geplagt.

Wie großartig es ist, diese Menschen wieder zu sehen! Nach dem Lesen unserer Presseerklärung, die wir in der Schweiz verteilt hatten, war Hans verunsichert: 'Was müssen wir denn da so machen bei so einer Ausstellung?' 'Nichts. Vielleicht Milch und Käse an die Gäste verkaufen.' 'Dann ist es gut.'

Beim abendlichen Wein sinniert er: 'Sag mal, Manfred, kann es sein, dass Du in Deinem Maler-Beruf genau so frei bist wie ich hier auf der Alp?' Unsere umfassende Werbung hatten wir oben auf der Alp schon fast vergessen. Genauso vergaßen wir, dass dort unten im Tal die Welt Urlaub macht und dass in allen Hotelzimmern seit Tagen unsere Kuhpostkarten lagen.

Der Tag erwachte. Wir frühstückten in der Sonne. Die Frage des Morgens: Wer wird in dieser Hitze eine halbe Stunde Seilbahn fahren und dann, je nach Alter und Fitness, auch noch dreißig bis sechzig Minuten zu einem einzigen Bild vor einem Stall auf diesen Berg wandern?

Doch dann kamen sie. Zuerst Franzosen, dann Schweizer, Amerikaner, Engländer, Deutsche, Japaner, Italiener, Holländer. Zwei Tage lang. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Maler und Modell waren anwesend in einer überraschend internationalen Ausstellung. Nicht nur Kunst und Malerei-Liebhaber kamen, sondern auch vermögende Viehhändler und erfahrene Viehzüchter, die einzig Kuhbilder sammeln.

Wir hätten das Bild vielfach verkaufen können. Aber nein, es möchte auch zukünftig in unserer Wohnung hängen. Eine Prinzessin verkauft man nicht.

Von einer Kunsthistorikerin wurde ich auf das Ölbild von Mark Tansey 'The Innocent Eye Test' aus dem Jahr 1981 aufmerksam gemacht, das im Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York ist und ironischen Blick auf die Kunst und ihre Kritiker wirft. Zur Erinnerung stellten wir das Tansey-Werk auf der Alp frei nach.

Nach einer Woche eines spannenden und entspannenden Alpurlaubs Umarmungen, Tränen und das Versprechen, sich wieder zu sehen. Und zum Abschied Hans' Worte: 'Ach ja, weißt Du Manfred, Dich wird nach Deinem Tod keine Sau als Maler kennen, aber meine Soraia, die wird uralt und weltberühmt.'


Manfred W. Jürgens wurde in Grevesmühlen, Mecklenburg geboren. Erste Malversuche unternahm er 1959, absolvierte dann aber zwischen 1973 und 1975 eine Lehre als Vollmatrose. Von 1986 bis 1989 studierte er in Berlin Kommunikationsdesign und lebt als freischaffender Maler und Fotograf in Hamburg
Titelportrait: Malerei von Manfred W. Jürgens · Grafische Gestaltung: Oliver Reblin
Mit freundlicher Genehmigung | Berliner Jounalisten · Magazine 2/2010