‣ Exhibitions | Alp Wispile · 2007 – The Portrait

Schweiz · Alp Wispile 2007 | Foto © MWJ
Manfred W. Jürgens wurde in Grevesmühlen, Mecklenburg geboren. Erste Malversuche unternahm er 1959, absolvierte dann aber zwischen 1973 und 1975 eine Lehre als Vollmatrose. Von 1986 bis 1989 studierte er in Berlin Kommunikationsdesign und lebt als freischaffender Maler und Fotograf in Hamburg
Titelportrait: Malerei von Manfred W. Jürgens · Grafische Gestaltung: Oliver Reblin
Mit freundlicher Genehmigung | Berliner Jounalisten · Magazine 2/2010

In der Werbung ist die Kuh meist lila

Manfred W. Jürgens


In der Werbung ist die Kuh meist lila, auf unserem aktuellen Titel beige und braun wie artschmelzede Vollmilchschokolade, außerdem hat sie eine fesche Locke über der Stirn. Die Kuh heißt Soraia und wurde von dem Maler und Fotografen Manfred W. Jürgens auf der Alp Wispile in der Schweiz porträtiert. Wie es dazu kam, erfahren Sie in der nachfolgenden Geschichte, aufgeschrieben vom Künstler persönlich.

Auf einer Ausstellungseröffnung meines Hamburger Malerfreundes Karmers lernte ich Rotwein trinkend den Schweizer ZEITRedakteur Urs Willmann kennen. Natürlich unterhielten wir uns über Kühe und leckeren Schweizer Hochgebirgskäse. Und da wir beide in unseren früheren Leben zeitweilig Kühe hüteten, der eine in den Bergen und der andere an der See, hatten wir etwas Gemeinsames. So kamen wir auf seinen Surf-Tipp: www.kuhleasing.ch Und für den Heimweg gab er mir zum besseren Verständnis diesen Beitrag mit. Bisher verbrachte ich meinen Urlaub an Küsten, Flüssen und in den Kulturmetropolen dieser Welt. Ein Interesse für Berge existierte nicht in mir. Dann aber sah ich nach Willmanns Tipp im Netz die Leasing-Kuh mit dem Namen der Prinzessin. Nur ein Buchstabe war falsch geschrieben. Andere Länder andere Buchstaben.

Selbstbewusst sah das Alpha-Tier von der Website an mir und meiner Frau vorbei. Stattlich war sie und auch alt. Sehr alt. Und mein Gedanke war: "Pass bloß auf dich auf. Bitte lass dich nicht schlachten. Ich werde dich malen!" Seit Jahren wünschte sich meine Frau Urlaub in den Bergen. Nun hatte sie mich. Ich wollte diese stolze Kuh malen. Also fuhren wir in die Schweiz nach Gstaad.

Dort machen Roger Moore und Liz Taylor Urlaub, und früher war auch Michael Jackson dort unterwegs. Aber meine Prinzessin wohnte oben auf der Alp Wispile, eine halbe Stunde Seilbahn entfernt. Dann der fast einstündige Fußmarsch auf dem Bergrücken durch Nebel und Dunst. Es regnete. Eine einsame Hütte in der Höhe von 1.835 Meter tauchte im Nebel auf. Hier sollte mein Urlaub stattfinden? Meine Stimmung lag zwischen den Kuhfladen am Boden.

Das änderte sich schlagartig, als wir durchnässt die Alphütte betraten und von der Bauernfamilie herzlich in Empfang genommen wurden. Manchmal übertrifft die Realität jede Vorstellung. Wir fielen durch die Zeit und kamen im Erbauungsjahr der Hütte an – 1737. Der 400 Liter fassende Kupferkessel auf dem Feuer ist vitales Herz und Mittelpunkt der Hütte und trägt stolz die Prägung 1881. Er würde dem Gallier Miraculix gefallen.

Nescafé, Hobelkäse und erste Sprachversuche. Zwischen dem norddeutschen Platt und dem Dialekt des Berner Oberlandes liegen einige Welten. Nach drei Tagen verstanden wir das erste Wort im Gespräch der Familie: Fffliege

Die Sonne verwehte noch am ersten Abend den trüben grauen Nebel, und wir standen plötzlich über den Wolken auf einem der schönsten Dächer der Welt. Am nächsten Morgen wurden wir gefragt: "Wie bitte? Eine Woche wollt Ihr bleiben? Gern, Rotwein ist da, aber im Schnitt übernachten die Leut eine Nacht im Stroh, und dann geht es weiter. Es wird ihnen schnell langweilig. Hier haben die Leute nur sich, die Natur und das Getier. Das ist den modernen Menschen zu wenig." Strom liefert wenige Stunden täglich der Diesel-Generator für die Melkmaschine und zum Aufladen der Mobiltelefone. Am Abend gibt es nur die Petroleumlampe, das Kartenspiel, das Gespräch und den Schlaf.

Der Hefti Hans wurde vor 43 Jahren auf der Alp geboren. Sie, Sennerin Ruth, kommt von der Nachbaralp und wollte nie einen Bauern heiraten. Erst recht keinen aus der Nachbarschaft. Aber sie trafen sich halt, arbeiten viel, sind glücklich und immer noch verliebt. Die Zusennerin Margit hilft den beiden auf der Alp, außerdem der zwanzigjährige Neffe Michael und während der Schulferien der vierzehnjährige Sohn Lorenz und der neunjährige Sohn Oliver. Die siebzehnjährige Tochter Linda macht eine Lehre als Verkäuferin im Tal und kommt nur an den freien Tagen auf den Berg. Habe ich je so zufriedene Gesichter gesehen?

Den Talbetrieb haben die Brüder Hans und Robert vom Vater übernommen. Während Hans und Ruth in den Sommermonaten die Sennerei auf Voralp und Alp betreiben, bleibt die Familie des Bruders im Tal und kümmert sich um die Heuernte. Ganz allein von der Landwirtschaft können die Familien nicht leben. Nebenbei müssen sich die Brüder noch in der Forst und auf dem Bau verdingen, doch dass sie mit neunzehn Milchkühen und zehn Rindern den Hauptanteil zum Unterhalt beider Familien erwirtschaften können, ist für deutsche Verhältnisse undenkbar.

Nach einer Woche Kuhglocken, Schwizerdütsch und Panoramablick holte uns Hans doch noch einmal aus unserer seligen Ruhe: "Den Käse könnt Ihr wirklich nicht mitnehmen. Das geht nicht. Der muss reifen. Wenigstens ein Jahr." Und so wurde uns klar, dass solch ein Kuhleasing nicht mit nur einem Alpsommer zu haben ist. Aus 800 digitalen Kuh-Fotos und zahlreichen Zeichnungen entstand im Norden über Winter und Frühjahr das Bergtier auf einer Holztafel in alter Technik und Überlebensgröße.

Beim Malen dachte ich: Schade, dass Soraia das gemalte Bild nicht sehen kann, denn auf eine aufwendige große Ausstellung hatte ich keine Lust. Aber dann entstand die Idee meiner ersten Ein-Bild-Ausstellung. Die Zutaten: Ein Schweizer Berg, ein alter Stall, eine Kuh namens Soraia und ein Maler mit Tafelbild.

Ich rief in der Schweiz an: "Hans, ich habe deine Kuh gemalt. Sie ist wunderschön. Soraia muss das Bild unbedingt sehen! Wir möchten bei Dir auf der Alp eine Ausstellung machen." Je 1 000 Poster und Postkarten wurden gedruckt. Der Schweizer Tourismusverband in Gstaad und Bern war so freundlich und verteilte die werbende Maler-Lieferung.

Im Film "Die fabelhafte Welt der Amélie" bekommt Amélies Vater Fotos von seinem reisenden Gartenzwerg zugesandt. Welch eine schöne Idee. So zeigten auch wir dem Bild unterschiedliche Orte und fotografierten es.

Die schönste Begegnung auf dem Weg zur Kuh fand im Nürnberger Albrecht-Dürer-Haus statt. Da ich seit meinem fünften Lebensjahr Dürer-Fan bin, wollte ich der Kuh unbedingt dessen Wohnhaus zeigen. Um die Erinnerung an ihn lebendig zu halten, wechseln sich dort richtige Schauspielerinnen dabei ab, als Dürers Frau Agnes durch das Haus zu führen und über die Geschichte des Malers und die Befindlichkeit seiner Zeit zu berichten.

Wir hatten Glück, unsere Agnes war klug und charmant, und als sie an unsere Bildtafel trat, sagte sie: "Oh, wie schön. Diese Bildtafel sollte mein Mann sehen. Sie wird ihm gefallen!". Doch der Malerfürst war nicht daheim, dabei hätte ich mich so gern mit ihm über seinen Hasen unterhalten. Hier ist Soraia unterwegs zu sehen.

Endlich wieder auf der Alp. Es riecht wohltuend nach Kräutern, Hummeln summen, die Sonne bescheint das Paradies. Es ist sehr leise. Die Kühe schlafen am Tag und fressen in der Nacht. So werden sie weniger von den Fliegen geplagt.

Wie großartig es ist, diese Menschen wieder zu sehen! Nach dem Lesen unserer Presseerklärung, die wir in der Schweiz verteilt hatten, war Hans verunsichert: "Was müssen wir denn da so machen bei so einer Ausstellung?" "Nichts. Vielleicht Milch und Käse an die Gäste verkaufen." "Dann ist es gut."

Beim abendlichen Wein sinniert er: "Sag mal, Manfred, kann es sein, dass Du in Deinem Maler-Beruf genau so frei bist wie ich hier auf der Alp?" Unsere umfassende Werbung hatten wir oben auf der Alp schon fast vergessen. Genauso vergaßen wir, dass dort unten im Tal die Welt Urlaub macht und dass in allen Hotelzimmern seit Tagen unsere Kuhpostkarten lagen.

Der Tag erwachte. Wir frühstückten in der Sonne. Die Frage des Morgens: Wer wird in dieser Hitze eine halbe Stunde Seilbahn fahren und dann, je nach Alter und Fitness, auch noch dreißig bis sechzig Minuten zu einem einzigen Bild vor einem Stall auf diesen Berg wandern?

Doch dann kamen sie. Zuerst Franzosen, dann Schweizer, Amerikaner, Engländer, Deutsche, Japaner, Italiener, Holländer. Zwei Tage lang. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Maler und Modell waren anwesend in einer überraschend internationalen Ausstellung. Nicht nur Kunst und Malerei-Liebhaber kamen, sondern auch vermögende Viehhändler und erfahrene Viehzüchter, die einzig Kuhbilder sammeln.

Wir hätten das Bild vielfach verkaufen können. Aber nein, es möchte auch zukünftig in unserer Wohnung hängen. Eine Prinzessin verkauft man nicht.

Von einer Kunsthistorikerin wurde ich auf das Ölbild von Mark Tansey "The Innocent Eye Test" aus dem Jahr 1981 aufmerksam gemacht, das im Besitz des Metropolitan Museum of Art in New York ist und ironischen Blick auf die Kunst und ihre Kritiker wirft. Zur Erinnerung stellten wir das Tansey-Werk auf der Alp frei nach.

Nach einer Woche eines spannenden und entspannenden Alpurlaubs Umarmungen, Tränen und das Versprechen, sich wieder zu sehen. Und zum Abschied Hans' Worte: "Ach ja, weißt Du Manfred, Dich wird nach Deinem Tod keine Sau als Maler kennen, aber meine Soraia, die wird uralt und weltberühmt."