‣ Esposizioni | Wismar 2006 – Inaugurazione

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Ausstellungseröffnung im Baumhaus am Alten Hafen in Wismar

‣ Inaugurazione

Thomas Beyer, Senator der Hansestadt Wismar28.6.2006

‣ Gedanken zur Ausstellung

Manfred W. Jürgens, Maler28.6.2006

Eröffnung

Thomas Beyer, Senator der Hansestadt Wismar · 28.6.2006


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Meine sehr verehrten Damen und Herren!


Ich begrüße Sie herzlich hier im Baumhaus zur Ausstellung 'Neuer Realismus' – Malerei von Manfred W. Jürgens. Es ist nach fünf Jahren die zweite Ausstellung des Künstlers in unserer Stadt. Sicher kann sich der eine oder andere noch erinnern an den 11. Mai 2001 als ich die erste Ausstellung ebenfalls hier im Baumhaus eröffnen durfte, eine Ausstellung mit den Huren-Bildern, den Frauen, die sozusagen auf ihren Arbeitsort schauen konnten, dies aber, so wie Manfred W. Jürgens sie malte, es als Fürstinnen taten mit einer unverkennbaren Würde.

Würde – so könnte man den inneren Kanon auch dieser Ausstellung kurz und knapp umschreiben: Würde, oder auch wie der Künstler es selbst sagt: Ehrfurcht vor der Schöpfung. Diese Ehrfurcht jedenfalls motiviert ihn sowohl Truthähne als auch Schauspieler, Kühe und Musiker, Petersilie, Möhren und junge hübsche Frauen zu malen.

Sie finden diese Würde in allen Räumen wieder: Dort wo die Portraits zu sehen sind, im Venedig-Raum, in den Stilleben, in den Tierportraits, und damit sind die vier Bildergruppen, die diese Ausstellung etwas systematisieren, auch schon genannt. Aber lassen Sie sich von zu vielem Systematisieren nicht verleiten, im Truthahn kann man beispielsweise mit seinem Balzgehabe sehr wohl menschliche Züge erkennen. Und der Löwe aus Venedig bleibt, obwohl er schon mächtig ramponiert ist, ein stolzer, wenn auch älterer Löwe. Es ist das wunderbare Licht, das ihm Stärke und Schönheit wiedergibt.

Manfred W. Jürgens erzählt Geschichten mit seinen Bildern, z.B. die der Reisbäuerin aus Sri Lanka. Sie ist mehrfach Naturkatastrophen ausgesetzt, sie hungert erbärmlich. Sie ernährt sich lange Zeit nur von geklautem Zuckerrohr. Sie verliert dadurch ihre Zähne. 'Sie hat eine Scheiße erlebt, die unfassbar ist', sagt Manfred W. Jürgens. Und – sie ist ein würdevoller Mensch, eine Frau, deren Augen die Geschichte erzählen von Sri Lanka, dem Hunger und dem Zuckerrohr. Voller Ehrfurcht ist dieses Bild gemalt.

Oder das Stilleben mit Käse und Wein. Es erzählt die Geschichte von einem Abschied, von Abschied von einem Menschen, mit dem eigentlich noch ein Schluck Wein getrunken und eine Scheibe Käse gegessen und ein Wort gewechselt werden sollte. Auch so kann man Trauer malen.

Manfred W. Jürgens erzählt auch die Geschichte zweier junger Frauen, die sich bei einem Theaterprojekt in Wismar kennenlernen: Zwei junge Frauen, befreundet, aber verschieden. Sehen Sie selbst. Wie kommt Manfred W. Jürgens eigentlich zum Malen? Mit drei Jahren beginnt er, das behauptet er. Nun, das kann man wohl fast über jeden und jede dreijährige oder dreijährigen behaupten. Mit fünf wird er in die Dresdner Gemäldegalerie gestellt, allein. Und er ist fasziniert, im wahrsten Sinne des Wortes, bezaubert, bezaubert von der Traumwelt, von dem Geheimnisvollen der Malerei. Dies allerdings hat er wohl mit wenigen Fünfjährigen gemein.

Mit sieben fördert ihn seine Zeichenlehrerin in Bobitz bei Wismar. Er malt und malt. Und er wird Maler, aber nicht so ein Maler, nein, Anstreicher! Später jedoch studiert er: Wissenschaftsgrafik und Fotografie in Berlin.

Dann malt er Tiere für Prof. Dathe, ebenfalls in Berlin. Die schon erwähnte Ausstellung 2001 ist seine erste. Seine Frau Bärbel bringt ihn dazu, endlich seine Bilder auch in der Öffentlichkeit zu zeigen. Es folgen Expositionen in Güstrow in der Wollhalle, in Leipzig in der Friedenskirche, in Venedig bei der Galeristin Holy Snap und in Hamburg bei der Zeitschrift 'Die Zeit'. Unfassbar, durchgeknallt, gruselig, abgrundtief sind Worte, die Manfred W. Jürgens immer wieder benutzt. Unfassbar sind für ihn die Bilder von Holbein, von Bellini, vor denen er steht und heult, weil sie ihn berühren, zutiefst berühren, wegen ihrer Meisterschaft, auch ja, aber auch wegen des klaren Blickes, den die Künstler auf die haben, die sie malen und die sie darstellen, 'wie sie sind in ihrer Wesenheit', sagt Manfred W. Jürgens.

Mich berühren auch besonders die Portraits von Manfred W. Jürgens. Und das liegt nicht daran, weil ich zu einem Bild eine besondere Beziehung habe, nein, Manfred W. Jürgens rückt nah an die Seele derer, die er malt, heran. Er sagt, Maler zu sein hat eigentlich nur einen Grund. So kann man den Seelen der Menschen begegnen, und das sei ein Privileg. Übrigens schön oder zumindest irgendwie beruhigend, vor allem auch für die, die er malt, dass er auch sagt, dass er keine Fieslinge malen würde.

Wo sind die Wurzeln der Kunst von Manfred W. Jürgens? Von der Kindheit erzählte ich schon. Die Malerei Dürers und Bellinis, die Malerei der Renaissance beeinflusst ihn stark. Deren Technik und das Handwerk sozusagen, und dass man in ihren Bildern eben auch die Seelen der gemalten treffen kann.

Die reichhaltige Symbolik in der damaligen Zeit, die sozusagen die Textsprache ersetzte, übernimmt er nicht. Und er findet die Renaissancemalerei nicht frech genug. Vielleicht entdeckt er diese Frechheit eher bei Christian Schad, den er verehrt oder bei Otto Dix, mit dessen Bildern er schon als Kind wichtige – er sagt selber – Schlüsselerlebnisse hatte.

Auch die Fotografie beeindruckt ihn. August Sander ist es vor allem, den er nennt. Auf die Frage, was ihn noch beeinflusst hätte, meint er, die Literatur, z.B. das Buch "Morphium", in dem er den gebogenen Raum findet, den er in einem der neuesten Bilder zitiert. Oder das Theater nennt er.

Im NDR-Interview erklärt Manfred W. Jürgens, dass er ein Mischling sei, einerseits viel einsam, allein, zurückgezogen, andererseits könne er nur so viel malen, weil er ständig unterwegs sei, mit Freunden, bei Wein und Bier, eben manchmal auch ein bisschen durchgeknallt.

Er liebt das Dorf, Dambeck beispielsweise. Dort legt er sogar hin und wieder zum Tanz Platten auf. Er liebt die Großstadt, das Rumoren dort, die Fülle. Und er liebt die mittlere Stadt wie Wismar. Er ist eben ein Mischling, wie er umschreibt.

Gut, dass er hier bei uns lebt. Und gut, dass er in Wismar ausstellt und erzählt von der Würde des Lebens und von der Ehrfurcht vor der Schöpfung.

Vielen Dank.

Gedanken zur Ausstellung

Manfred W. Jürgens · 28.6.2006


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Werte Gäste!

Auch ich wünsche Ihnen einen guten Abend an diesem ersten spielfreien Tag während der Fußball-WM 2006!

Mein Name ist Manfred W. Jürgens. Vor fünf Jahren stand ich schon einmal zitternd an dieser Stelle. Damals präsentierte ich meine Bilder erstmals der Öffentlichkeit und wäre vor Aufregung fast in Ohnmacht gefallen. Mein Gefühl heute ist nicht anders.

Versuch einer Eröffnung.

Mein Dank geht an meinen Freund Thomas Beyer für seine einleitenden Worte.

Gestatten sie mir einige Gedanken über mich selbst. Geboren wurde ich nebenan in Grevesmühlen vor 50 Jahren. Mein Vater war Mecklenburger. Meine Mutter kam aus der Nähe von Wurzen. Viele Sommer meiner Kindheit verbrachte ich im sächsischen Pausitz an der Mulde. Die dort wohnenden Großeltern waren Tabakbauern. Ich denke für F6.

Meine Großeltern sorgten für das größte Schlüsselerlebnis meines Lebens. Als diese sahen, dass ich ständig zeichnete und malte, schenkten sie mir, ich war knapp fünf Jahre alt, einen großen teuren Ölfarbkasten und langstielige Pinsel. Die Oma hatte Geburtstag und ich wünschte ihr eine eigene überdimensionale Geburtstagstorte. Also eine stabile, sehr haltbare, die ihr niemand wegessen konnte. So bastelte ich eine Torte aus einem Pappkarton und nutzte den gesamten 24-tubigen Ölfarbkasten für die recht cremige und farbenfrohe Gestaltung.

Die Torte war wunderschön! Doch sie wollte nicht so recht durchtrocknen. Es gab großen Geburtstagsärger wegen der stark nach Terpentin stinkenden Pseudo-Torte, die außerdem meinen neuen Matrosenanzug und die goldene großmaschige Wohnzimmer-Tischdecke versaut hatte. Aber ich fand das witzig und verstehe bis heute nicht den tagelangen familiären Ärger um meine farbenprächtige, wenn auch recht ölige Torte.

Meine erste Arbeit in Öl hatte aber auch etwas Gutes. 'Das war wohl eine Fehlentscheidung', sprach der Großvater und empfahl eine baldige Reise ins nahe Dresden. 'Dort hängen doch diese Gemälde. Der Bengel muss wohl erst einmal was Richtiges sehen.' So eröffnete sich für mich die faszinierende Welt der Alten und Neuen Meister.

Als junger Mensch kopierte ich ahnungslos Arbeiten von Dürer, Holbein und Rembrandt, um das vor Jahrhunderten Gemalte intensiver nachempfinden zu können. Die Ergebnisse hatten nichts mit den Originalen zu tun.

Es folgten die ganz normalen Katastrophen und Umwege. Nach der Schulzeit fuhr ich zur See, war Maler und Glaser, arbeitete in der Landwirtschaft, werkelte an einem Pfarrhof und begann mit 29 Jahren endlich zu studieren. Während meines Studiums zum Kommunikations-Designer in Berlin vertiefte ich in Wissenschaftsgrafik und in Fotografie. Nach dem Abschluss arbeitete ich für einen Zoologen und versank später über Jahre im ländlichen Kulturmanagement.

Nach einer gescheiterten Beziehung landete ich in einem Pfarrhaus hier in der Nähe. Als ich dem Pfarrer erzählte: 'Ich habe geträumt, ich ziehe nach Wismar, gehe ins Bordell und male die Huren', war seine Antwort: 'Oh, das würde ich als Maler interessant finden und sofort tun.' Also brachte mich mein Traum vor zehn Jahren mit Pfarrers Segen in die harte Realität der Hansestadt Wismar. Ich lernte das beschauliche Wismar über das Bordell kennen. Es erschloss sich eine ganz spezielle Perspektive.

Doch alles lebt vom Kontrast. Viele meiner Bilder entstanden durch Aufenthalte in Taiwan, Frankreich, Italien, Sri Lanka oder England und den dortigen Erlebnissen. Das Erlebnis ist Grundlage. Wenn ich nichts erlebe, kann ich auch nichts malen. Zu den größten Erlebnissen gehören für mich Gespräche mit interessanten, ehrlichen Menschen und das Aufspüren ihrer Wesenheit.

Für jeden, der realistisch malt, stellt sich die Frage: Kann das gegenständliche Bild in unserer Zeit sinnvoll sein? Mein Ansatz gründet auf historischen Vorbildern. Alte Gedanken aufzuspüren, sie neu um- und auszubauen, ist für mich zeitgemäß und provoziert mich.

In der Vergangenheit habe ich einen Großteil meiner Arbeiten bewusst vernichtet. Und das ist gut so. Wer schafft, hat auch das Recht, die Dauer des Geschaffenen zu bestimmen. Seit einigen Jahren arbeitet meine Frau mit Erfolg gegen diese Auffassung. So kam es vor 5 Jahren zu meiner ersten Ausstellung hier im Baumhaus.

Jede Tafel ist auch ein Selbstbildnis. Ohne den Träumer in mir könnte ich nicht leben. Vieles wird nachts in Träumen geboren und findet durch Auseinandersetzung mit dem Traum malerisch Verwirklichung.

Malerei ist für mich wie ein Wunder. Oft ist sie zerstörerisch und zugleich wohltuend, wie unser Sein in seiner obskuren Widersprüchlichkeit. Der Tod gehört ins Bild wie das Leben. Versteckt ist er immer am Wirken. Beim Malen wird mir immer wieder klar, dass ich wenigstens 10 Malerleben bräuchte, um alle Ideen zu verwirklichen. Trotzdem weiche ich in meiner Malerei nicht vom Detail ab. Mein Realismus ist für mich realer als die Wirklichkeit. Die überhöhte Betonung der Dinge und die weglassende leise Verfremdung ist für mich ein großer Genuss. Es geht nicht um anmutige Naturtreue. Realismus ist subjektiv und erfordert die Abstraktion. Das ist aufregend.

Die Fotografie nutze ich als Ersatz fürs Skizzenbuch, in letzter Zeit auch wieder im Wechsel mit Portraitsitzungen. Das Ziel ist für mich kein Fotorealismus. Der sieht völlig anders aus. Fotorealisten stellen unter anderem die Oberfläche der Fotografie, die Körnung des Fotopapiers, dar. Das Verhältnis der Fotorealisten gegenüber dem Inhalt ihrer Bilder ist dabei neutral und möglichst objektiv. Objektivität ist nicht mein Ziel. Und auch wenn ich detailliert male, heißt es nicht, dass ich immer detailgetreu arbeite. Es ist meine individuelle, eigenwillige Sicht auf die Welt.

Ich danke allen, die diese Ausstellung ermöglichen. Dazu zählt natürlich meine Frau Bärbel Koppe, die nicht nur meine Muse, sondern auch Förderin und Managerin meiner Malerei ist. Welch ein Glück!

Ich danke auch meinem Model Thomas Beyer, der ganz nebenbei Senator dieser Hansestadt ist, für seine einleitenden Worte. Dein Portrait begleitete mich bereits auf Ausstellungen nach Leipzig, Venedig und Hamburg und ist ebenso in dieser Ausstellung zu sehen.

In der heutigen Besucher-Runde sehe ich weitere Models. Caroline Schwarz und Kai Maertens. Auch Euch herzlichen Dank für Eure Geduld mit mir und meinen Maler-Macken.

Des Weiteren danke ich Frau Frenz, Frau Schumacher und Herrn Kiene vom Kulturamt, die diese Ausstellung mit vorbereitet haben. Zudem ein Dank im Voraus an das Baumhaus-Team. Ihr müsst diese Bilder 4 Wochen lang ertragen.

Und natürlich danke ich meinen Freunden Anke Richter und Jörg Sedlak vom Wismarer Gasthaus Lübsche Thorweide. Ihnen haben wir das heutige Catering zu verdanken. Herzlichen Dank für das erneute Schmackhaftmachen meiner Bilder!

Werte Gäste, ich möchte Ihnen nicht erklären, was Sie zu sehen haben, denn Sie selbst haben Ihren gesunden Augensinn! Ich lade sie herzlich ein in die Welt meines Realismus. Sehen sie selbst.

Gestatten Sie mir abschließend ein / zwei / drei Fotos für meine Website. Diese finden Sie bei Google unter Realistische Malerei.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Ihnen wünsche ich nach der Musik interessante Gespräche bei einem Glas Wein und einen Guten Abend!